Florian Illies hat es wieder getan. Er greift einen bestimmten Zeitabschnitt auf und beleuchtet berühmte Menschen, deren Leben sich durch gravierende äußere Umstände einschneidend verändert.
Viele deutsche Intellektuelle verließen nach der Machtergreifung der Nazis 1933 das Land. Es zog sie u. a. an die französische Südküste zwischen Marseille und Toulon. Kleine Orte, die damals wenig bekannt waren: Bandol sur Mer und Sanary.
Im Mittelpunkt steht Thomas Mann und dessen Familie. Sein älterer Bruder Heinrich, aber auch die Eltern von Katia, Hedwig und Alfred Pringsheim. Ebenso Lion und Marta Feuchtwanger und andere bedeutende Intellektuelle, die ich hier nicht weiter aufzählen möchte.
Illies bedient sich bei Breloers Arbeiten über die Jahrhundertfamilie und bei vielen anderen. Er hat Quellenstudien betrieben, aber er zitiert diese Quellen nicht im Einzelnen.
Und wieder, wie bei seinen großartigen Büchern zum Jahre 1913 und 1939, kann er es nicht lassen, dann kochen seine Formulierungen über: „Thomas nimmt das Manuskript des Vortrages über ‚Leiden und Größe Richard Wagners‘ und steckt es – ein wenig ergriffen von sich selbst – in seine lederne Mappe.“ Auch typisch für den Autor, der über die Frühjahrs- und Sommermonate des Jahres 1933 berichtet, abzuschweifen und von einem Gespräch Manns mit Walt Disney einige Jahre später zu berichten. Das hat etwas von einem Strebergehabe: „Herr Lehrer, ich weiß noch etwas“ an sich.
Genug genölt! Illies hat ein Gespür für Geschichte und Geschichten. Man muss sich vorstellen, dass der Literaturnobelpreisträger auf der Flucht vor den Nazis glücklich im Zug nach Marseille sitzt, und was schreibt Herr Mann in sein Tagebuch? „Es ist kein Waggon-Restaurant im Zuge, auch sonst bis Marseille um 12 Uhr keine Gelegenheit, ein warmes Getränk, mir so wichtig, zu bekommen…Eine schlimme Behagensminderung“.
Überhaupt, diese Einträge in das Tagebuch des Thomas Mann. Da hat Illies ganze Arbeit bei der Auswahl geleistet! Thomas Mann schreibt in seinem Stil und das bedeutet: „Ich finde in diesem Kulturgebiet alles schäbig, wackelig, unkomfortabel und unter meinem Lebensniveau.“ Dieser Stil schein zumindest sich teilweise in der Familie Mann vererbt zu haben. Wir finden ein Zitat aus dem Tagebuch von Golo aus dem Mai 1933: „Meine Stimmung auf dem Nullpunkt; das bleibt nun so…Ich muss es nachgerade beklagen, als Deutscher geboren zu sein.“
Schön auch, dass eine Ichbezogenheit ihm bei anderen auffällt: „Feuchtwanger ausschließlich mit sich beschäftigt.“ Auch kann der Mann nicht einfach notieren, dass das Wetter schön ist. Er vertraut seinem Tagebuch an: „Das herrliche Wetter, das ich trotz vielfachen Elendbefindens von Herzen zu bewundern bereit bin, hält an
So sorgfältig Herr Illies wahrscheinlich Korrektur gelesen haben mag entgeht ihm dann, dass die „Cavanita“ von Raff eine Cavatine ist,
Und was sollen Sätze wie der folgende: „…und Thomas und Katia und Heinrich und Klaus und Erika schätzen es sehr, sich gemeinsam auf hohem Niveau über die Gräueltaten in der Heimat zu erregen.“?
Demgegenüber stehen so gelungene Sätze, wie der über Katia Mann: „Ihre Abneigung gegen die eigene Tochter [gemeint ist Monika] ist immer noch mit Höflichkeit möbliert.“
Ich schließe mit einem Satz, der wie ein Gemälde von Monet hingetupft erscheint: „Wenn die Sonne untergeht in Sanary, sitzen die Emigranten neben den Fischern im Café La Marine und lächeln die bunten Boote an, die in der Abendsonne sehr zufrieden hin- und herwackeln.“
Und ich komme, was mein Urteil über dieses Buch „Wenn die Sonne untergeht “ anbelangt zu einem Urteil, das einem Tagebucheintrag von Thomas Mann entspricht: „Quälendes Schwanken zwischen Ablehnung und Nachgiebigkeit.“
