Begegnung mit Borges

Die Bibliothek ist das Universum, aus unendlich vielen Sechsecken bestehend, mit unendlich vielen Büchern, die alle gleich viele Seiten und Schriftzeichen in allen Sprachen dieser Welt enthalten.

Alles ist schon irgendwo, irgendwie erfasst und vielleicht braucht es Jahrhunderte oder mehr Zeit, um das richtige Buch zu finden, was immer das richtige Buch sein mag.

Ich kann die Erzählung von Jorge Luis Borges „Die Bibliothek von Babel“ nicht besser zusammenfassen.

Man muss diese Kurzgeschichte schon selber lesen, um sich dann in der Weite des Raums dieser Bibliothek zu verirren.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Ein (?) – vielleicht der DDR – Roman

Machandel ist der Name eines fiktiven Dorfes in Mecklenburg-Vorpommern, es ist auch der norddeutsche Name des Wacholders. Und das Dorf steht im Mittelpunkt des Familienromans von Regina Scheer, ebenso wie das Märchen vom Machandelbaum. Über dieses Thema promoviert Clara und da sie eine der Erzählerinnen des Romans ist, traktiert sie uns Lesende immer wieder mit einer leichten Variation des Märchens und erzeugt damit ein zu viel an Bedeutungsschwere. Clara und ihr Mann finden in dem Ort, dem Geburtsort ihres älteren Bruders Jan, einen alten leerstehenden Katen, den sie schließlich kaufen und zu ihrer Sommeridylle machen.

In dem Ort finden sie sich ein, weil Jan aus der DDR ausreisen darf und sich von Freunden in dem Dorf verabschieden will. Der Vater der Geschwister ist ein hoher SED Funktionär. Hans Langner, hat in der Nazizeit im KZ gesessen, am Todesmarsch teilgenommen und schließlich als geflohener Gefangener Unterschlupf in dem Dorf gefunden, eine um viele Jahre jüngere Frau kennengelernt, die ihn pflegte und Mutter von Jan und Clara wurde. Hans ist eine weitere Erzählstimme, hinzu kommen weitere Stimmen, so dass beim Lesenden langsam eine Geschichte entsteht, ein größeres Bild als bei den einzelnen Erzählenden. Die Nazizeit, die Zeit der DDR, die Wendezeit und fast schon die Zeit im Hier und Jetzt. Ein verwegenes Unterfangen auf rund 470 Seiten.

Für einen Lesenden aus Westberlin oder der alten Bundesrepublik zum Teil nicht wirklich nachvollziehbar. Zum Teil im larmoyanten Ton, zum Teil aus einer naiven Erzählhaltung geschrieben, resultiert bei mir ein sehr uneinheitliches Bild dieses Romans.

Es ist nicht der große literarische Wurf, es ist der Versuch einer Aufarbeitung, sicherlich auch mit sehr vielen autobiographischen Zügen.

Ich tat mich manchmal bei der Lektüre schwer, bohrte mich mühselig durch manche Kapitel, konnte andere wiederum sehr gut aufsaugen.

Die Lektüre lässt mich hier und da recht ratlos zurück. Ich war nicht so besonders eingenommen von ihr, aber alle mögen sich selbst ein Bild machen und zu dem Roman greifen.

Kubanischer Krimi

Zur Vorbereitung einer Reise nach Kuba, so ein Bekannter von mir, könne man gut die Kriminalromane von Leonardo Padura lesen.

Also fange ich mit dem ersten Roman aus dem Havanna Quartett des Autors an: „Ein perfektes Leben“.

Da begegnet dem Lesenden der Teniente Mario Conde. Der Mann hat zwei gescheiterte Beziehungen hinter sich, trinkt zu viel und raucht noch mehr. Der Krimi spielt in den letzten Jahren des letzten Jahrhunserts kurz nach Silvester. Ein hochrangiger Mann aus der Industrie wird von seiner Frau als vermisst gemeldet. Abends noch auf einem Fest zum Jahreswechsel ist er am nächsten Morgen verschwunden. Conde kennt den Vermissten und auch dessen Frau. Mit ihr ging er in die gleiche Klasse der Oberstufe des Gymnasiums, während der Verschwundene schon vor dem Abitur stand. Conde war, wie alle anderen Jungs seiner Klasse in diese Frau verliebt, die aber damals schon mit ihrem späteren Ehemann zusammen war. Also keine leichte Aufgabe, in einem solchen Umfeld, in das man doch irgendwie sehr nah verstrickt ist, zu ermitteln.

Ich verrate natürlich nicht, was sich in den folgenden Tagen so abspielt, aber man lernt tatsächlich viel über die Verhältnisse in dem sozialistischen Land Kuba.

Und ich mochte den Stil des Autors, die lakonische Art der Beschreibung von der Veränderung der Menschen, die man einst gekannt und in manchen Fällen sogar begehrte. Es ist für Conde immer wieder ein Eintauchen in die Vergangenheit. Und natürlich wird der Fall aufgeklärt, aber nun muss man selbst zum Buch greifen und lesen!

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Eine kurze Familiengeschichte

Es ist ein schmaler Roman, gerade 160 Seiten. Da kann man nicht Kapitel damit verschwenden, die Landschaft oder das gerade herrschende Wetter ausführlich zu beschreiben. Da muss man auf den Punkt kommen. Und genau das ist der Erzählstil dieses Romans von Susan Hill mit dem deutschen Titel „Stummes Echo“, wobei mir der Originaltitel besser gefällt „The Beacon“. So heißt das Anwesen oder besser der Hof einer englischen Familie irgendwo auf dem englischen Lande. Die Eltern haben vier Kinder und der Roman erzählt auf wenigen Seiten von deren Leben. Einem eintönigen Landleben ohne Höhepunkte, ohne große Perspektiven. Im Mittelpunkt der Geschichte steht zunächst May, später auch deren Bruder Frank. Nach dem Tod zweier Säuglinge im Kindbett und zwei Brüdern, Colin und Frank, kommt sie auf die Welt und einige Jahre später noch eine Schwester, Berenice.

Die Geschwindigkeit der Erzählung kommt vielleicht einfach am besten mit einem Beispiel zur Geltung: „Zwei Tage vor Kriegsausbruch lag Bertha kurz in heftigen Wehen und brachte Colin zur Welt, acht Pfund schwer und strotzend vor Gesundheit. Kaum ein Jahr später wurde Frank geboren. Jetzt waren sie selbst eine Familie und schauten nicht mehr zurück, auch wenn Bertha jedes Ostern und Weihnachten auf den Friedhof ging, um Blumen auf die Kindergräber zu legen. In den Jahren als sie krank war und zuerst ans Haus und dann ans Bett gefesselt, hatte May diese Aufgabe übernommen, weil man sie darum bat und weil es schon immer so gemacht worden war, wie so vieles in diesem mit Gewohnheiten und Bräuchen und ein paar Ritualen angefüllten Leben.“

Der Vater stirbt, schließlich auch die Mutter und man kommt im Beacon zusammen.

Denn: „Im Übrigen verliefen die Tage in einem beruhigenden Gleichmaß, und die Zeit floss dahin wie das Wasser im Fluss.“

Was ich jetzt ausgelassen habe, ist die Geschichte, die sich zwischen den Geschwistern abspielt. Welche Art von Erinnerung nimmt man aus seiner Kindheit mit ins Leben. Wie kommen die Geschwister in der großen weiten Welt zurecht? Was einte sie und was bringt sie auseinander. Was bestimmt darüber, was aus einem Menschen wird. Welche Einflüsse sind dafür verantwortlich an einer Weggabelung wie abzubiegen?

Dieser kleine Roman, so still er daherkommt, so unaufgeregt schließlich die Leben der Personen verlaufen, stellt ganz große Fragen und ist ein kleines Meisterwerk.

Eine verdienstvolle Entdeckung des kleinen Kampa Verlags, dieses auch äußerlich so schlichte aber schöne Werk, dem deutschsprachigen Lesenden zu präsentieren. Eine klare Leseempfehlung und vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Ein Buch von fernen Reisen

Ich bekenne es gern immer wieder, dass ich die Romane des Holländers Cees Nooteboom sehr schätze. Seitdem ich seine Reiseschilderungen aus und über Spanien las, mag ich auch diesen Teil seiner Arbeit sehr. Der Suhrkamp Verlag hat vor einigen Jahren einen Sammelband über seine Notizen über ferne Länder herausgegeben. Dieses Buch trägt den Titel Schiffstagebuch. Es berichtet von einer Schiffsreise nach Montevideo, einem Aufenthalt in Indien, einer Reise nach Australien, einer nach Mexiko, einer Schiffsreise entlang der afrikanischen Küste, einer Tour nach Spitzbergen und einer Wiederbegegnung mit Bali.

Und wie immer bei Nooteboom sind es die präzisen Beobachtungen der Menschen, die Schilderungen von Museumsbesuchen und nicht zuletzt die profunde Kenntnis über Land und Leute.

Seine kurzen Bemerkungen über die Flüchtigkeit seiner Begegnungen beeindrucken mich immer wieder: „In der Ferne sehe ich im Hafen unser Schiff als weißes Zeichen, dass ich hier nur vorübergehend bin, doch für diese Erkenntnis brauche ich kein Schiff.“

Er betrachtet in Argentien in einem Museum Fotos von Einheimischen: „Unter dem Foto von dem Boot mit den beiden Menschen und dem schiefen Segel stand: ‚Die Europäer verändern alle ihre Gewohnheiten: Nahrung, Kleidung, nur nicht ihre Wasserfahrzeuge.‘ Aber doch ihr Schicksal. Der Untergang dieser Menschen hatte begonnen (1898). Wohin die Yámana auf diesen Fotos im Buch und im Museum blickten, war eine Zukunft, die es nicht geben sollte.“

Er beschreibt, das auch mir bekannte Gefühl beim Lesen einer Lokalzeitung: „Fremde Städte haben ihr eigenes Gesellschaftsspiel, man kennt weder die Regeln noch die Spieler und bewegt sich hindurch als Fremdkörper, der man ist, lässt sich von Geheimnissen umspülen, liest die Lokalzeitung mit der lokalen Erregung, den Intrigen der kleinen und großen Politik, und genießt, dass man zu alldem keine Meinung haben muss.“

Und es sind diese kurzen Sätze, die seine Bücher so lesenswert machen, so wenn er das Grün einer Gegend zu beschreiben versucht: „Es ist grell, es ist gemein, es schneidet in die Augen, es ist barbarisch, es ist wild, es ist unbeschreiblich, weil es nicht beschrieben werden will, …“

Oder diese Weisheit: „Wiederholung ist ein Versuch der zyklischen Zeit, in die Nähe der Ewigkeit zu gelangen, an manchen Orten gelingt das besser als an anderen.“

Man darf, kann, nein sollte auch dieses Reisebuch lesen.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Der Resi wird gekündigt

„Sein Schäfchen ins Trockene zu bringen, heißt nicht, mit dem Schäferhund befreundet zu sein. Sondern den Stall und das Land zu besitzen.“

Diese Erklärung gibt die Schriftstellerin Anke Stelling in ihrem Roman „Schäfchen im Trockenen“ auf Seite 94 ab. Ihre Hauptfigur Resi ist Schriftstellerin, wie sie. Resi ist mit einem bildenden Künstler verheiratet und die beiden haben vier Kinder zwischen vierzehn und vier Jahren. Sie leben in einer Wohnung im Berliner Bezirk Prenzlauer Berg. Diese Wohnung haben sie von Freunden überlassen bekommen, die wiederum mit anderen Freunden zusammen in ein Haus gezogen sind, dessen Bau von der Freundesgruppe gemeinsam finanziert worden ist. Nun hat Resi eine Kopie eines Schreibens des eigentlichen Hauptmieters an den Vermieter erhalten. Aus diesem Brief geht hervor, dass man die Wohnung kündige. Resi und ihrer Familie bleiben drei Monate um aus „ihrer“ Wohnung auszuziehen und es ist sicher, dass sie eine vergleichbare Wohnung in dem angesagten Bezirk nicht zu ähnlich guten Konditionen finden werden.

Die Kündigung der Wohnung und damit der Resi Familie ist die Quittung für einen Artikel und ein Buch, die Resi veröffentlichte und indem sie sich über das neue Haus und deren Bewohnern, ihren Freundinnen und Freunden, doch offensichtlich zu lustig gemacht hat.

Die Autorin Anke Stelling tut so, als ob wir in den Aufzeichnungen der Autorin Resi lesen würden, die diese an ihr ältestes Kind richtet. Bea bekommt hier eine volle Pulle Leben mit auf ihrem Weg zum Erwachsenwerden.

Denn Resi hat niemand gewarnt, wie ein Leben mit Kindern und Familie alles ändert: „Davon hat mir keiner erzählt: wie es wirklich ist mit Kindern. Wie demütigend, ihnen kein Vorbild zu sein. Vom Wahnsinn des Familienlebens, dem Gefängnis der Ehe, dem Elend der Elternschaft.“

Anke Stelling ist ein guter, ein sehr guter Roman gelungen über das Leben von den kleinen oder zumindest kleineren Leuten, die sich etwas hart erarbeiten müssen, denen man wahrscheinlich bis an ihr Ende den Unterschied anmerken wird zwischen reich und Mittelklasse und arm. Ihr ist ein lebendiges Bild der gestressten Paare gelungen, die alles richtig machen wollen und vielleicht gerade deshalb genauso viele Fehler begehen wie deren Eltern. Die Autorin hat genau aufgepasst, sehr scharf beobachtet und mit viel Witz diesen kleinen Kosmos der Resi Familie vor uns Lesenden ausgebreitet.

Ich wüsste gern, wie die Geschichte weitergeht, wie sich die Kinder entwickeln, wie die Ehe zwischen Sven und Resi und …!

Also eine klare Leseempfehlung!

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Der Vizepräsident

Mit viel Erwartungen sah ich mir den Film Vice von Adam McKay an. Das Leben des Dick Cheney, des Vizepräsidenten der USA, der im Hintergrund der Präsidentschaft von Bush Junior die Strippen zog oder gezogen haben soll.

Der Film ist eine Mischung aus grandiosem amerikanischen Breitwandkino, Dokumentarfilm und Anflügen von Märchenkino.

Da, wo der Film richtig gut ist, bleibt er an der Oberfläche. Denn natürlich rätseln viele Menschen auf der ganzen Welt, wie der gegenwärtige Präsident ins Amt gespült worden ist. Man sieht eine kurze Einblendung des damals noch jungen Abgeordneten Pence. Man hört ein Reagan Zitat, mit dem der derzeitige Präsident seinen Wahlkampf bestritten hat: „make America great again“.

Die eindrucksvollsten Bilder gelingen dem Regisseur als er zeigt, wie auf dem Weißen Haus unter Präsident Carter Photovoltaikelemente installiert und die unter Reagan oder Bush Senior wieder entfernt werden.

Viel mehr Aufklärung vom Film habe ich über die Machenschaften des zweiten Mannes als Firmenvertreter eines großen Rüstungskonzerns erwartet. Der Film bleibt da im Ungefähren. Der Filmregisseur wusste offensichtlich nicht so genau, was er wollte, wo er mit dem Film hinwill. Das ist schade und so bleibt bei mir ein ziemlich schaler Nachgeschmack.

Ohne ansonsten zu viel verraten zu wollen: der Film zwingt zum Zuschauen, auch des Abspanns, man weiß ja nie, ob der Film dann schon zu Ende ist.

Ein Krimi für zwischendurch

Der Plot ist nicht schlecht: Kinderarbeit in den Minen des Kongo. Dort wo man Coltan abbaut. Blut klebt an diesem Erz, das für unsere moderne Kommunikationswelt so dringend benötigt wird. Und eine afrikanische Künstlerin will aufdecken, dass das gewonnene Erz gar nicht so fair abgebaut wird, wie die Berliner Firma immer wieder behauptet. Vor der Eröffnung einer Ausstellung wird ihr neben ihrem Kunstobjekt die Kehle durchgeschnitten.

Na das ist natürlich ein Fall für unsere Radioreporterin Emma Vonderwehr. Und so nimmt die Erzählung schnell Fahrt auf und irgendwann bringt die tüchtige Frau sich und Familienmitglieder in Lebensgefahr und ihr Ex, der ermittelnde Kommissar ist besorgt und immer noch sehr bemüht um sie und … Ach lesen sie doch einfach selbst.

Zur Unterhaltung, zur Ablenkung ist der Kriminalroman „Berliner Blut“ der Journalistin Mechthild Lanfermann gut geeignet. Mehr nicht, aber auch nicht weniger.

Von den griechischen Göttern

„Die griechischen Mythen neu zu erzählen heißt, in riesige Fußstapfen zu treten. …Es existiert ein einzigartiger Schatz erhaltener Quellen, die eine Chronologie der griechischen Mythen von der Erschaffung des Universums und der Geburt der Götter bis hin zum Ende ihrer Einmischung in die Angelegenheiten der Menschen nachzeichnen. Sie beginnen mit Homer …Überragt werden sie alle vom römischen Dichter Ovid, dessen Metamorphosen von den Sterblichen, Nymphen und anderen erzählen, die von den Göttern als Strafe oder aus Mitleid in Tiere, Pflanzen, Flüsse oder sogar Steine verwandelt wurden. … Ovid fügte freimütig hinzu, strich und erfand, und dies hat mich ermutigt, ebenfalls – sollen wir sagen einfallsreich? – in meinen Nacherzählungen zu sein.“

Das gesteht Stephen Fry am Ende seines großartigen Buches mit dem Titel „Mythos – was uns die Götter heute sagen“.

In der Tat, Fry rollt die Geschichte der verschiedenen Göttergeschlechter von Anfang an aus. Erklärt launig Begriffe und deren Ableitungen bis hinein in unseren heutigen Wortschatz. Es beginnt mit dem Chaos, den primordialen Gottheiten. Es folgen die Titanen und schließlich die uns heute noch halbwegs vertrauten Götter der Antike, der nächsten Generation. Die Geschichten, ob nun die Kastration des Uranos durch dessen Sohn Kronos oder dessen Sturz durch Zeus, werden erzählt in moderner Sprache, geistreich kommentiert und somit garantiert niemals langweilig.

Dann kommen wir Menschen ins Spiel, als Spielzeuge der Götter, aber weil Prometheus uns das Feuer schenkt, werden sich diese Spielzeuge emanzipieren, übermütig und größenwahnsinnig werden.

Ein großer Bogen wird gespannt und gegen Ende darf man philosophieren, ob das Schließen der Büchse der Pandora bevor Elpis sie verlassen konnte, für uns Menschen nun ein Segen oder ein Fluch ist.

„Für manche untermauert der Pandora-Mythos, wie schrecklich der Fluch des Zeus war. Alles Übel der Welt, so sagen sie, wurde von ihm geschickt, um uns zu plagen, und er verweigerte uns sogar den Trost der Hoffnung. … Andere meinen, dass Elpis nicht nur für Hoffnung steht, sondern auch für Erwartung, ja mehr als das, für die Erwartung des Schlimmsten. Vorahnung in anderen Worten, Schrecken, ein Gefühl für den drohenden Untergang. Diese Interpretation des Pandora-Mythos legt nahe, dass die letzte Plage, die in der Büchse verschlossen wurde, die schlimmste von allen war und dass ohne sie dem Menschen wenigstens die Ahnung davon erspart blieb, wie schrecklich sein Schicksal und wie sinnlos grausam seine Existenz ist. Mit anderen Worten: Solange Elpis sicher weggeschlosssen ist, sind wir wie Epimetheus in der Lage, in schönster Ignoranz von einem Tag auf den anderen zu leben, ohne den Schatten der Pein, des Schmerzes und des unausweichlichen Scheiterns, der über jedem von uns schwebt, zu spüren. Eine solche Interpretation des Mythos ist, auf eine finstere Art und Weise, sogar optimistisch.“

Ich merke gerade, dass ich mit den Zitaten den Eindruck erwecken könnte, dieses Buch sei eine staubtrockene Abhandlung über die letzten Dinge der Menschheit. Dem ist nicht so, es ist vielmehr ein von Witz und gut erzählten Episoden geradezu überlaufender Erzählband.

Man muss ihn gelesen haben.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Vom Leben auf dem Lande

Brinkebüll findet der Lesende nicht auf der Landkarte, aber Brinkebüll, dieser erdachte Ort, wird so lebendig geschildert, dass man einen ähnlichen Ort mit ein wenig Mühe sicherlich finden kann. Natürlich ist er da oben im Norden angesiedelt, wo die Leute Plattdeutsch sprechen, wo es alles so ruhig, so gemütlich zugeht. Oder besser gesagt: zuging.

Denn Dörte Hansen schildert in ihrem Roman Mittagsstunde die Vergangenheit. So war es mal in diesem Dorf und in vielen anderen Dörfern. Um Husum und um Kiel. Und fangen so nicht auch die Märchen an: Es war einmal?

Ja, es war einmal ein junger Mann, der aus dem Krieg zu seiner Verlobten Ella zurückkam. Die war dann sehr schnell schwanger. Das Mädchen, das Ella zur Welt bringt, ist ein wenig sonderbar. Später wird sie durch das Dorf mit ihren Holzpantinen klappern und dabei die Leute in ihrem Mittagsschlaf stören – in ihrer Mittagsstunde. Und sie wird immer davon sprechen, dass die Welt untergehen wird. Sie bekommt selbst einen Sohn, Ingwer, für den sie aber keinerlei Muttergefühle entwickelt. Ingwer wird von den Großeltern aufgezogen, wird nach Kiel zum Studium gehen und kehrt als Professor für ein Sabbat-Jahr zurück, um seine „Eltern“ inzwischen hochbetagt, zu pflegen.

Brinkebüll hat sich verändert, es gab eine Flurbereinigung – Ingwer ist so etwas, wie das Kind dieser Bereinigung -, es gab das Abholzen der alten Alleebäume, es gibt nicht mehr die vielen kleinen Bauernhöfe, sondern nur mehr wenige große. Man trifft sich auch nicht mehr im Dorfgasthaus von Sönke, Ingwers Großvater, der seinen Enkel ja als ersehnten Sohn betrachtet. Und Sönke hat das Ziel, mit Ella die Gnadenhochzeit zu feiern.

Und Ingwer, bald fünfzig Jahre alt, räsoniert über sein Leben in einer einer Dreiecksbeziehung und weiß, dass er so richtig viel auch nicht auf die Reihe bekommen hat. Aber ihm fällt auf, dass sich das Dorf und sein Bewohner völlig verändert hatten.

Sie gingen eben nicht mehr zum Feierabendbier in den Dorfkrug. „Die Leute hatten sich das abgewöhnt wie ihre Mittagsstunde, es legte sich jetzt kaum noch jemand hin tagsüber.“

Und: „Ingwer schienen, wenn er durch das Dorf ging, nur noch Dinge einzufallen, die verschwunden waren.“

Also wieder ein Buch über das Verschwinden von Dingen, von Gebräuchen, von Kultur.

Dieser Roman ist voller genauer Beobachtung, voller Humor und führt sehr intelligent bestimmte Teile zusammen. Ingwers eigentliche Mutter, Marret, verschwindet eines Tages einfach aus Brikebüll.

Gern hätte ich gewusst, was aus der klugen Klassenkameradin Ingwers wurde, der jüngsten Tochter des Bäckers Boysen. Aber nun ja, es gibt eben auch immer Spuren, die sich ins Nichts verlaufen.

Ich wage jetzt mal einen großen Satz, den ich nicht mehr verifizieren muss. In einem der wundervollen Dramen Cechovs fragt eine Figur, was denn in hundert oder zweihundert Jahren von ihnen noch übrig sein wird und kann diese Frage nicht so recht beantworten.

Ich könnte mir vorstellen, dass dieser Roman „das Zeug“ zum Überdauern hat.

In jedem Falle ist dieser Roman ein großes Lesevergnügen, eine Reise in eine ferne und doch noch so nahe Vergangenheit.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.