Ein weiteres Buch über das Verschwinden

Ganz am Anfang dieses sehr bemerkenswerten Buches, welches ich ausführlich rühmen möchte, hat die Autorin Judith Schalansky in einer Vorbemerkung auf zwei Seiten einige „Gewinne und Verluste“ aufgelistet, die sich in der Zeit der Erstellung des Buches ereigneten. Die Raumsonde Cassini verglühte ebenso wie das letzte männliche Breitmaulnashorn eingeschläfert werden musste. Es wurden aber viele neue Zeichnungen Piranesis und das bereits als ausgestorben gegoltene Blauaugentäubchen entdeckt.

Die Autorin will uns also mit auf dem Weg geben, dass wir immer Verluste zu beklagen haben werden, aber auch so manch Neues oder vermeintlich Vergangenes aufgespürt wird. Wofür sie das „Verzeichnis einiger Verluste“ geschrieben hat, verrät sie auch in einem Vorwort: „Am Leben zu sein bedeutet, Verluste zu erfahren. Die Frage, was wohl werden wird, dürfte kaum jünger sein als die Menschheit selbst, besteht doch eine so unabdingbare wie beunruhigende Eigenschaft der Zukunft darin, dass sie sich der Vorhersehbarkeit entzieht und damit auch Zeitpunkt und Umstände des Todes im Dunkeln lässt. … Letztlich ist alles, was noch da ist, schlichtweg das, was übrig geblieben ist. … So handelt dieser Band gleichermaßen vom Suchen wie vom Finden, vom Verlieren wie vom Gewinnen und lässt erahnen, dass der Unterschied zwischen An- und Abwesenheit womöglich marginal ist, solange es die Erinnerung gibt.“

Vor uns liegen dann zwölf Kurzgeschichten, jede umfasst 16 Seiten. Die einzelnen Geschichten werden durch schwarze Seiten von einander getrennt. Dreht man die Seite vor dem jeweiligen Beginn einer Geschichte ein wenig im Licht hin und her wird ein Bild sichtbar, das auf den Gegenstand der folgenden Geschichte verweist. Zum Beginn wird jeweils kurz dargestellt, was an gesichertem Wissen vorhanden ist und dann folgen die Geschichten. Alle verschieden im Ton. In sehr unterschiedlicher Erzählhaltung verfasst. Manche haben nur ganz am Rande mit dem geschilderten Verlust zu tun, andere sind „mittendrin“.

Ich kann hier nicht alle Geschichten würdigen, obwohl sie es ausnahmslos verdient hätten. Besonders preisen will ich die Erzählung „Kaspischer Tiger“. Hier wird vom Kampf zwischen einem Löwen und eben einem Tiger im Colosseum Roms zur Zeit des Kaisers Claudius berichtet. Frau Schalansky beschreibt diesen Kampf so unfassbar anschaulich, als wäre sie dabei gewesen und ich saß neben ihr und sah das grässliche Schauspiel mit eigenen Augen.

Eine andere Geschichte handelt von Sapphos Liebesliedern, die nur in Fragmenten noch erhalten sind. Sie ordnet diese Lyrikerin mit einer kurzen Beschreibung ein: „Buddha und Konfuzius sind noch nicht geboren, die Idee der Demokratie und das Wort Philosophie noch nicht erdacht, aber Eros, Aphrodites Knecht, regiert bereits mit unnachgiebiger Hand; ist nicht nur ein Gott, einer der ältesten und mächtigsten, sondern eine Krankheit mit unklaren Symptomen, die einen aus heiterem Himmel trifft, eine Naturgewalt, die über einen hereinbricht, ein Sturm, der das Meer aufpeitscht und selbst Eichen entwurzelt, ein wildes, unbezwingbares Tier, das einen jählings anfällt, unbändige Lust entfacht und entsetzliche Qualen verursacht – süßbittere, verzehrende Leidenschaft.“

In vielen Geschichten schimmert auch immer die Angst vor dem eigenen Tod durch. So sagt eine ihrer Protagonistinnen: „Den Tod kannte ich noch nicht. Dass Menschen sterben, dass ich selbst eines Tages sterben würde, lag außerhalb meiner Vorstellungskraft.“

Ein Meisterstück möchte ich noch herausheben. Sie berichtet über die sieben Bücher des Mani. Ich gestehe, nicht gewusst zu haben, dass der Manichäismus in der späten Antike mit Anhängern auf drei Kontinenten eine Weltreligion darstellte. Wie die Autorin ihre Geschichte aber anlegt, in welchem geradezu atemlosen Ton diese Erzählung vorgetragen wird, konnte ich nur meinen Hut ziehen und mich in großer Ehrfurcht vor so viel Können verneigen.

Wundervoll, wie sie die Wanderung von der Quelle des Flusses Ryck bis zu dessen Mündung in ihrer Heimatstadt Greifswald beschreibt. So haben romantische Dichter ein Idyll beschrieben, allerdings besaßen wahrscheinlich die wenigsten die ausgeprägten Kenntnisse über die einheimische Flora und Fauna, wie Frau Schalansky. Der hier zu beklagende Verlust ist übrigens ein Gemälde des Greifswalder Hafens von Caspar David Friedrich.

Das Buch selbst hat keinen Schutzumschlag, es fühlt sich sehr weich an. Es ist der greifbare Beweis, dass wir uns über den Verlust des analogen Buches in den nächsten Jahren keine Gedanken zu machen brauchen.

Ich bin kein Freund der Kurzgeschichten, dieser Band allerdings hat mich dies vergessen lassen. Völlig zu Recht ist er mit dem Raabe Preis 2018 ausgezeichnet worden.

Meine ganz klare Empfehlung für die Lektüre dieses Buches.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Großstadtszenen

Beginnen wir mit einigen Zitaten aus dem Roman Manhattan Transfer von John Dos Passos:

„Wir werden von einer großen Welle getragen, Mr. Perry, ob wir nun wollen oder nicht, einer großen Welle der Expansion und des Fortschritts. In den nächsten paar Jahren wird viel geschehen. All diese Erfindungen – Telefone, die Elektrizität, Stahlbrücken, Fahrzeuge, die nicht mehr von Pferden gezogen werden – führen doch irgendwo hin. Und wir sind aufgerufen, uns daran zu beteiligen, wir stehen an der vordersten Front des Fortschritts…“

„Was wir in dieser Welt brauchen, sind nicht Kaputtmacher, sondern Aufbauer.“

„Es gibt keine gute Gegend, um Arbeit zu finden, junger Mann …Arbeit gibt es natürlich schon, aber …In einem Monat und vier Tagen werd ich fünfundsechzig, und ich schätze, ich hab gearbeitet, seit ich fünf war, aber so was wie gute Arbeit hab ich noch nirgends gesehn.“

„Auf der sonnenbeschienenen Fensterbank saß eine Fliege und rieb mit den Hinterbeinen über die Flügel. Sie putzte sich, bewegte die Vorderbeine wie ein Mensch, der sich die Hände wäscht, strich sich sorgfältig über den wulstigen Kopf und bürstete ihre Haare. Jimmys Hand näherte sich ihr langsam und griff dann blitzschnell zu. Die Fliege summte kribbelnd in seiner Faust. Er tastete mit zwei Fingern nach ihr, hielt sie fest und zerquetschte sie dann langsam zwischen Daumen und Zeigefinger. Er wischte den grauen Brei an der Kante der Fensterbank ab. Eine heiße Übelkeit durchfuhr ihn. Die arme Fliege – gerade als sie sich so schön geputzt hatte. Lange stand er da und sah durch die schmutzige Fensterscheibe, auf der die Sonne den Staub ein wenig glitzern ließ, hinab in den Luftschacht.“

„Durch die kleinen Löcher in der Krempe ihres Strohhuts tropfte Sonnenlicht auf ihr Gesicht.“

„Sobald sie wieder auf dem Broadway war, fühlte sie sich sehr fröhlich und ausgelassen. Sie stand mitten auf der Straße und wartete auf die Straßenbahn in Richtung Uptown. Gelegentlich zischte ein Taxi vorbei. Vom Fluss her trug der warme Wind das langgezogene Stöhnen einer Dampfschiffsirene herüber. In den Tiefen ihres Inneren bauten Tausende Zwerge hoch aufragende, spröde, glitzernde Türme. Die Straßenbahn kam klingelnd auf den Schienen herangesaust und hielt an. Beim Einsteigen erinnerte sie sich mit einem leichten Schwindelgefühl an den Geruch von Stans schwitzendem Körper in ihren Armen. Sie ließ sich auf einen Sitz fallen und biss sich auf die Unterlippe, um nicht aufzuschreien. Oh Gott, es ist schrecklich, verliebt zu sein. Gegenüber saßen zwei Männer mit kinnlosen Fischgesichtern, die einander lachend was erzählten und sich auf die fetten Schenkel klopften.“

 

Das ist eine kraftvolle und zugleich sehr poetische Sprache. Allein die Mühe, die der Autor auf die Beschreibung von Farben legt ist beeindruckend. Neben den Grundfarben gibt es viele Nuancen, je nachdem in welchem Licht sie uns erscheinen. Er spricht von schokoladenbraunen Wolken, kittfarbenem Wasser, nilgrüner Seide, orangeroten Lippen, einem kalkweißen Gesicht, goldflussbraunen Augen und knallroten Haaren.

Schnell richtet sich die Leserin auf diese Geschichten ein. Es gibt keine Hauptpersonen, es gibt eine ganze Reihe von Personen, die immer wieder betrachtet werden, die der Autor in den Mittelpunkt seines Interesses rückt, um nur eine Seite später auf eine andere Person sein Augenmerk zu richten. Die Geschichten der einzelnen Personen werden immer wieder fortgesetzt, selbst wenn sie über viele Kapitel nicht mehr aufgetaucht sind. Inzwischen ist auch die Zeit fortgeschritten. Ja, es ist ein Episodenroman, sich kreuzender oder auch parallel verlaufender Geschichten.

Ein kleines Mädchen wird von einer schwächlichen Frau geboren, wir sehen das Mädchen im Schulalter und als jung verheiratete Frau wieder. Erleben ihre Scheidung und so weiter. Sie ist es, die wir oben zitierten, als sie feststellte, dass es schrecklich sei, verliebt zu sein.

Inzwischen sind also in dieser Welt zwanzig oder dreißig Jahre vergangen. Es gibt keine Hauptperson, wohl aber eine Hauptsache: die Stadt New York. Immer wieder die Ankünfte von Fremden, seien sie von Übersee oder aus der amerikanischen Provinz. Immer hinein in den Schmelztiegel. Hier gehen die Uhren anders, vergeht die Zeit schneller. Das ist ein Großstadtroman, der die Stadt in den Mittelpunkt der Erzählung stellt. Ein Umschlagplatz für Geschichten, für Schicksale. Das Personal taucht auf und wieder ab. Die Lebenswege einzelner Menschen dieser Erzählung kreuzen sich, laufen manchmal parallel, um dann wieder in ganz verschiedene Richtungen auseinander zu verlaufen.

Jimmy, der Junge, der die Fliege zermalmte, ist in dieser Stadt geboren, dann einige Jahre mit der Mutter in Europa lebend, mit ihr zurückgekehrt, verliert sie früh und trifft dann auf Ellen, dem jungen Mädchen von oben. Die ist mittlerweile Schauspielerin, der erste Weltkrieg hat begonnen, die einen wollen nach Europa, um mal Krieg zu erleben, die anderen wollen darüber berichten als Journalisten und wieder andere sehen Chancen, Gewinne an der Börse zu erzielen oder fürchten sich vor den Verlusten. Einige werden Politiker, andere Verbrecher, wobei man manchmal nicht weiß, wie groß der Unterschied ist. Ellen und Jimmy werden heiraten und sich wieder trennen. Lebenswege kreuzen sich in dieser pulsierenden Metropole.

Das ist ein Roman, der Szenen aus einer großen Stadt zusammenfasst.

Das ist ein großartig übersetzter Roman (Dirk van Gunsteren).

Manhattan Transfer ist eine U-Bahn-Station in New York, ein Knotenpunkt, wo man eigentlich nicht aussteigt, sondern umsteigt, um an seinen eigentlichen Zielort zu gelangen.  Das ist wie mit den oben beschriebenen Geschichten, raus aus der einen und hinein in eine andere.  Die Geschichten sind das Ziel, so wie es der Weg oft ist.

Ein überragendes Meisterwerk. Ein Lektüre Muss.

Ich empfehle die Lektüre dieses Romans ganz dringend!

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Vom Verschwinden der Dinge

Jenny Erpenbeck hat sich des Themas vor einiger Zeit angenommen, nun liegen zwei weitere Bücher vor. Es geht um das Verschwinden von Dingen, die zu einer früheren Zeit unser Leben geprägt oder zumindest beeinflusst haben und dann von neuen Erfindungen abgelöst worden sind. Häufig können wir uns nicht einmal mehr daran erinnern, dass es sie überhaupt gab.

Als Kinder haben „wir noch keine Ahnung von dem Schmerz, der einmal kommen würde, wenn man zu bemerken begänne, dass nicht nur die Zeit vergeht, sondern mit ihr gleichzeitig Dinge und Menschen verschwinden.“ Das schreibt einer der beiden Autoren, der Schweizer Martin Meyer (Jahrgang 1951) in seinem gelungenem Aufsatzband „Gerade Gestern“, im Untertitel: „Vom allmählichen Verschwinden des Gewohnten“. Und er bemerkt weiter: „Die Furien des Verschwindens, von denen Hegel hochtönend spricht, sind real, sehr real. Sie machen sich, das weiß ja jedermann, ohne dass man es allzu oft wissen möchte, bei zunehmenden Alter stärker bemerkbar.“

Das andere Buch trägt den Titel: „Die Verwandlung der Dinge“, auch hier ein Untertitel „Eine Zeitreise von 1950 bis morgen“. Autor ist der Unterfranke Bruno Preisendörfer (Jahrgang 1957).

Beide Bücher sind zutiefst unterhaltsam.

Meyer schreibt kurze Stücke, die sich mit Gewohnheiten, aber auch mit Dingen beschäftigen. Postkarten als Urlaubsgrüße, beispielsweise oder der Bleisatz. Bademoden oder Schlager.

Preisendörfer zieht große Linien der Technik: von der Schiefertafel zum Tablet oder vom Fernsprecher zum Smartphone. Besonders interessant sind die Anmerkungen zu Firmen, die es nicht mehr gibt oder nur noch der Name erhalten geblieben ist.

Es sind zwei Bücher, die so unterschiedlich sie sind, beide ganz viel Lesefutter bieten. Sie machen Spaß und zeigen uns, wie fragil die Hülle ist, die uns umgibt. Alles ist im Wandel.

Und mir bleibt nur ein Motto zu zitieren, das Bruno Preisendörfer seinem Buch voranstellt:

  1. Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu.
  2. Alles, was zwischen deinem 15. Und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär […]
  3. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge

 

Meine ganz klare Empfehlung für die Lektüre dieser Bücher.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

 

Ein Krimi der Extraklasse

Stellen Sie sich Daniel Craig und Tom Cruise in ihren besten Tagen vor, kreuzen sie die beiden zur Figur Ethan Bond oder James Hunt und dann stecken Sie das Produkt in einen vollendeten weiblichen Körper, mit einem winzigen Makel: Ihre Superfrau ist blind. Dann haben Sie Jenny Aaron vor sich. Sie ist eine der Protagonisten dieses aufregenden Romans von Andreas Pflüger, der kurz und bündig „Endgültig“ heißt.

Andere ebenso wichtige Protagonisten sind die neue Chefin der Spezialeinheit der Polizei, zu der Jenny bis zu ihrer Erblindung in Folge eines im Einsatz erlittenen Unfalls gehörte. Dazu zählt ihr väterlicher Freund Pavlik, ihr Ex-Geliebter Niko und der Bösewicht Holm. Damit verrate ich nicht den Plot, denn der Autor macht kein Geheimnis daraus wer der Bösewicht ist. Nicht klar sind die Motive, die Geheimnisse, die hier jeder mit sich herumträgt.

Das ist so richtig spannend erzählt, da muss man weiterlesen, kann nicht einfach so das Buch zur Seite legen. Pflügers Stil ist manchmal geradezu telegramstilartig. Das erhöht das Tempo, steigert die Spannung. Und noch etwas zeichnet den Stil des Autors aus: Er beherrscht Metaphern.

Man kennt manche, sie werden hier aber so zutreffend eingesetzt, dass ich nur den Hut ziehen kann.

  • Ein Schiff, das seinen Eisberg sucht.
  • Bäume verhandelten mit dem Wind.

Und es gibt einige Erkenntnisse oder Wahrheiten, die so manchem Roman sehr zur Ehre gereichten:

  • Wir können den Wind nicht ändern, aber die Segel anders setzen.
  • Kein Schmerz ist größer, als sich der Zeit des Glücks zu erinnern, wenn man im Elend ist.
  • Ich wusste nicht, ob sie meine Gefühle erwiderte, nicht, wovor ich größere Angst hatte: dass es so war oder ob ich mir etwas vormachte.
  • Sollte am Ende noch Zeit sein, will ich mich nicht fragen, warum ich sterben muss, sondern wissen, warum ich gelebt habe.

Am Ende benötigte ich sogar ein Taschentuch, um mir verschämt eine Träne abzuwischen.

Meine ganz klare Empfehlung für die Lektüre dieses Buches.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

 

Hard Core Lektüre

Göring gründete 1933 den Preußischen Staatsrat neu. Der Stardirigent Furtwängler und der Jurist Carl Schmitt gehörten zu dem Kreis der Auserwählten. Später werden der Chirurg und frühere Leibarzt Hindenburgs Sauerbruch sowie der Schauspieler Gustaf Gründgens ebenfalls zu Staatsräten ernannt.

In der Weimarer Republik war der preußische Staatsrat „ein Vertretungsorgan der preußischen Provinzen gewesen, eine zweite Kammer in Preußen. Er hatte beratende Gesetzgebungsbefugnis; gegen Ende der Weimarer Republik war Konrad Adenauer als Vertreter Rheinpreußens Vorsitzender. Im Mai 1933 nahm Göring als neuer Ministerpräsident Preußens die Umgestaltung des Staatsrats vor.“

In seinem Buch „Die Staatsräte“ unternimmt nun Helmut Lethen den Versuch, das Leben der genannten vier besonders prominenten Mitglieder in der Nazizeit und auch nach deren Ende nachzuzeichnen. Dazwischen streut er fiktive Gespräche der vier ein, sogenannte „Gespenstergespräche“.

Auf diese Weise ist es dem Autor möglich, Zitate aus seinen früheren Werken in dieses Buch einzubeziehen.

Herausgekommen ist ein spannendes Kompendium über einen interessanten Randaspekt dieser schrecklichen Zeit.

Dieses Buch ist allerdings nicht leicht zu lesen, es ist kein Roman, aber auch nicht ein wirkliches Sachbuch.

Man muss sich Zeit nehmen und auch investieren, um den Inhalt zu bewältigen. Die Lektüre ist eher für Spezialisten und sehr interessierte Menschen gedacht. Am Ende steht die Erweiterung der Kenntnisse über Personen. Ein mir bis dahin eher unbekannte Seite von Bernhard Minetti wird sichtbar und das Leben des mir bis dahin unbekannten letzten preußischen Finanzministers, Johannes Popitz, rückt in mein Blickfeld.

Eine lohnende, aber anstrengende Lektüre.

Das richtige Blut

Stellen wir uns folgende Geschichte vor. Vor der Wohnungstür wartet ein farbiger Mensch auf uns. Er fragt, ob der Inhaber der gegenüberliegenden Wohnung verreist sei. Der ist unser Halbbruder und nun sind wir neugierig. Der junge Mann behauptet, unser Halbbruder sei sein Großvater. Das wissen wir besser, denn so alt ist unser Halbbruder nun nicht. Der junge Mann legt uns ein Dokument vor, aus dem hervorgeht, dass er den gleichen Familiennamen trägt wie wir. Sollte also unser Vater, der Großvater dieses aus Äthiopien stammenden Mannes sein?

So beginnt ein wahrlich aufregender und intensiv erzählter Familienroman der römischen Autorin Francesca Melandri. Wir benötigen eine gute Ausdauer, um die 600 Seiten des von Esther Hansen ins Deutsche übersetzten Romans zu lesen. Es ist nämlich nicht nur die Geschichte einer Familie, die über einen Zeitraum von rund hundert Jahren erzählt wird, sondern es ist die Geschichte Italiens in dieser Zeit. Die Geschichte eines Landes, das sich dem Faschismus zuwendet und größenwahnsinnig von der Wiederherstellung des alten Römischen Imperiums träumt. Es ist die Geschichte unserer doch auch sehr aufregenden Zeit, mit den Ängsten vor Einwanderern, dem Erstarken der sogenannten nationalen Kräfte und unserer unzulänglichen Aufarbeitung unserer Verstrickungen in Taten, die von unseren Vorfahren begangen wurden.

Es gibt mehrere Personen, die im Mittelpunkt dieses großen Romans stehen. Der demente Vater/Großvater Attilio, der sich mit sehr viel Glück durch das Leben lavierte, ist sicherlich einer von ihnen. Sein in seinem Schatten stehender Bruder Otello, nicht weniger. Die Kinder des Attilio, der Kinder mit mindestens drei Frauen gezeugt hat, insbesondere Ilaria, die ein Verhältnis mit einem Parteigänger Berlusconis hat. Attilio hat viele Jahre ein gestresstes Leben als Bigamist geführt. Alle, außer ihm wären daran sicherlich zugrunde gegangen. Er nicht. Er hat sein Lebensmotto gefunden: Alle, außer mir. So heißt dann auch die deutsche Übersetzung. Im Original lautet der Titel „Sangue giusto“. Denn und dafür brauchen wir den langen Atem auch, erklärt uns der Roman all die versponnenen Ideen der überlegenden Rasse, derjenigen die eben das richtige Blut in ihren Adern haben. Es ist der einzige Mangel dieses großen und großartigen Romans, dass ich mich immer wieder zum Lesen aufraffen musste. War ich dann wieder in der Geschichte versunken, dann spulte sich die Geschichte Italiens, gespiegelt an der Geschichte der Familie Profeti, wie von selbst ab.

Alle, außer mir ist auch das Versprechen, das sich Attilio selbst gibt. Alle sterben, mit denen er einen Teil seines Lebens verbrachte, er nicht. Aber da hat er sich dann doch geirrt. Und eine andere Pointe wird hier auch nicht verraten. Das alles muss man sich erlesen!

Der Roman erzählt manchmal geradezu beiläufig von den unvorstellbaren Kriegsgräueln, wenn man den Roman „Alles hat seine Zeit“ von Ennio Flaiano gelesen hat, dann schockiert es nicht weiter. Der Roman erzählt manchmal geradezu beiläufig von dem großartigen Sex, der manchen Protagonisten in diesem Roman zuteilwird.

Ich kann nur alle ermuntern, die Anstrengung zu wagen und diesen grandiosen Roman zu lesen. Man wird reichlich beschenkt.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Lunapark

Ich bekenne, die Kriminalromane von Volker Kutscher gern zu lesen.

Sie haben einen guten erzählerischen Kern, heute nennt man das Plot und sie sind gut recherchiert. Sie passen also in die Zeit, in die der Autor die Handlungen ansiedelt.

Ich bekenne, seinen Roman, Lunapark, schon einige Zeit auf meinem Vorratsstapel liegengelassen zu haben.

Meine Begeisterung war abgekühlt, weil sich Kutscher ja vorgenommen hat, seinen Kommissar Rath durch sein berufliches Leben zu begleiten. Und das bedeutet dann zwangsläufig, da seine ersten Romane in der Weimarer Republik angesiedelt sind, dass man in die Nazizeit hineinschliddert. Und ich finde, wir erleben gerade wieder genug Nazis und Vorgänge, die an die Geschichte denken lassen und uns Mahnung zur Wachsamkeit sein sollten, dass man sich nicht unbedingt in einem Krimi, diese Zeit auch noch ins Wohnzimmer holen muss.

Ich bekenne, von dem Roman dennoch angetan zu sein.

Der Autor verzahnt tatsächliche Geschichte mit seinen Erfindungen. Im Hintergrund läuft der sogenannte Röhmputsch und sein „Held“ schlägt sich mit der Gestapo und mit seiner Vergangenheit und mit seiner nicht sonderlich rosig scheinenden Zukunft herum. Die Ermordung von SA Leuten hat keinen politischen Hintergrund, sondern einen klassisch kriminellen. Eine beängstigende Stimmung kann Kutscher wiedergeben, die fatal daran erinnert, dass in Sachsen heutzutage auch eher Journalisten durch Polizisten behindert als dass Journalisten vor einem rechten Gesocks geschützt werden. Und doch ist die gut geschilderte bedrückende Atmosphäre der Zeit von Juni bis August 1934 doch nur ein Bühnenbild für einen Kriminalroman, der für meinen Geschmack auch schon zu sehr die Inhalte zukünftiger Romane um den Kommissar Rath, der nun bald Oberkommissar sein wird, vorwegnimmt.

Ich bekenne, weiter diese Kriminalromane zu lesen.

Sie üben aber nicht mehr den großen Sog auf mich aus, wie die ersten Romane, die uns nun ja auch in einer Verfilmung im Fernsehen näher gebracht werden. Übrigens der nächste Band wird im Herbst erscheinen und trägt den Titel, des smarten aber gnadenlosen Oberschurken Marlow.

Friehofsbesuche

Robert Seethaler hat eine gewisse Todessehnsucht. Ob es das ereignislose Leben eines älteren Menschen in den Bergen ist oder dasjenige eines noch jungen Mannes, der in der falschen Zeit sein Leben leben will. Jetzt geht der Autor in seinem neuesten Buch noch weiter und lässt fast ausnahmslos Tote sprechen. Sie liegen alle auf dem Friedhof einer kleinen fiktiven Stadt. Manche sind miteinander verbunden, andere nicht. Die Geschichten sind meist sehr kurz. Die Toten berichten von ihrem Leben und manchmal von dem Todestag. Die meisten von ihnen sind ungläubig. Gott spielt für sie keine Rolle. Manche sind offensichtlich geistig verwirrt, andere eher klar im Kopf. Alle sind auf ihre Weise unglücklich. Das Buch ist voller Melancholie, es ist todtraurig. Der Pfarrer ist verrückt er verbrennt sich selbst in seiner Kirche. Der Herausgeber der einzigen Lokalzeitung titelt daraufhin: Kirche brennt, Gott lebt!

Der Mann, von dem am Anfang die Rede ist, lebt noch. Er setzte sich auf eine Bank unter einer Birke. Er dachte über die Toten nach. „Er malte sich aus, wie es wäre, wenn jede der Stimmen noch einmal Gelegenheit bekäme, gehört zu werden. Natürlich würden sie vom Leben sprechen. Er dachte, dass der Mensch vielleicht erst dann endgültig über sein Leben urteilen konnte, wenn er sein Sterben hinter sich gebracht hatte.“ Am Ende des Romans „Das Feld“ ist er selbst tot und begraben und fragt sich: „Steht meine Bank noch? Und die Birke?“

Seethaler begreift den Tod als Antithese zum Leben. Aus seinem Werk spricht eine gewisse Todessehnsucht. Es spricht aber auch viel Wärme und manchmal auch sehr viel Liebe daraus. Es enthält wunderbare einfache Sätze mit tiefer Bedeutung:

  • „Kinder sind gesund und wissen nichts von ihrem Glück.“
  • „Die Kindheit ist der Ort der ersten Male.“
  • „Von Anfang an ist das Leben ein einziges Gesundheitsrisiko.“

 

Ein beglückendes Buch, ein Buch voller Strahlkraft von einem traurigen Autor, der sich die Sätze abzuringen scheint, der vor Schmerzen manchmal zu stöhnen und unter der Last der Worte zusammenzubrechen droht.

Ein sehr lesenswertes und tröstliches Werk.

 

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Unterwerfung

Erstes Geständnis: Lange schon lag das Buch auf dem Stapel der noch zu lesenden Romane. Ich hatte eine gewisse Scheu vor dem Buch. Der Autor ist bekannt als Pornograph, als direkt und schnörkellos auf ein Thema zusteuernd. Der Roman ist zwischenzeitlich dramatisiert worden, er wurde verfilmt und nun wollte ich dann doch diesen Autor kennenlernen!

Zweites Geständnis: Auch von Joris-Karl Huysmans hatte ich noch nichts gelesen. Nicht „Marthe“, nicht „Gegen den Strich“ und auch nicht „Tief unten“.

Drittes Geständnis: Nach der Lektüre des Romans „Unterwerfung“ von Michel Houllebecq habe ich nicht vor, einen Huysmans Roman zu lesen, vielleicht aber einen weiteren unseres französischen Gegenwartsautors.

Dieser Roman hier spielt im Jahre 2022, also ganz nah an unserer Gegenwart. Alles kommt auf ganz leisen Sohlen daher. Der Romanheld ist ein französischer Hochschullehrer, ein – vielleicht der Huysmans Experte. Er ist in den vierziger Jahren seines Lebens und hat am liebsten Affären mit Studentinnen. Auf den genannten leisen Sohlen schleicht sich der französische Alltag in die Erzählung. Kurz vor dem ersten Wahlgang zur Präsidentenwahl gibt es drei Lager. Dasjenige des Front Nationale, das der Sozialisten und dasjenige der Islamisten. In die Stichwahl gelangen ziemlich gleich auf die Rechten und die Islamisten. An der Hochschule scheint sich zunächst nicht viel zu ändern, aber nachdem sich die Linken in der Stichwahl ebenso auf die Seite der Islamisten schlagen haben, wie die gemäßigte Rechte, wird der neue Präsident ein Moslem. Ganz langsam nun werden Menschen aus dem Hochschuldienst und anderen Bereichen des öffentlichen Lebens entlassen, so auch unser „Held“. Man sieht die Frauen nicht mehr in kurzen Röcken und der neue Präsident versucht seine Pläne einer Ausdehnung der Europäischen Union rund um das Mittelmeer mit anderen islamischen Staaten voran zu treiben. Unser Held wird mit einer auskömmlichen Pension in den Ruhestand geschickt, aber seine letzte Geliebte, eine Pariserin jüdischen Glaubens geht mit ihren Eltern nach Israel und so bleibt unser Ruheständler im wahrsten Sinne des Wortes unbefriedigt zurück. Er nähert sich dem neuen System, das nun langsam sich ausbreitet, an. Man macht ihm Angebote, an die Universität zurückkehren zu können. Vor allem liebäugelt er mit dem Übertritt zum moslemischen Glauben, könnte er so doch mehrere Frauen gleichzeitig haben.

Im letzten Abschnitt malt er sich aus, wie das sein wird. Es ist der einzige Abschnitt dieses Romans, der im Konjunktiv steht.

Der Titel für diesen Roman taucht im Übrigen erst sehr spät auf. Der neue Rektor der Universität und kurze Zeit später sogar Minister spricht aus, worin das Glück des Menschen wohl vor allem besteht: „Es ist die Unterwerfung“, sagte Rediger leise. „Der nie zuvor mit dieser Kraft zum Ausdruck gebrachte grandiose und zugleich einfache Gedanke, dass der Gipfel des menschlichen Glücks in der absoluten Unterwerfung besteht.“

Hoffen wir, dass der Roman Houllebecqs schlicht Phantasie bleibt. Lassen wir uns weder von der einen noch einer anderen Richtung je unterwerfen!

Um sich mit dem nicht nur in Frankreich gefeierten Autor auseinanderzusetzen, ist die Lektüre dieses Romans ein guter Einstieg.

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich Ihnen empfehle.

Bericht über das Sterben eines Bienenzüchters

Der Mann, dessen Aufzeichnungen wir in dem schmalen Roman „Der Tod eines Bienenzüchters“ von Lars Gustafsson lesen werden, ist ein früh pensionierter Lehrer, der am gleichen Tag des gleichen Jahres geboren wurde, wie der Autor.

Viel hinterlässt er uns nicht, er hat bescheiden, von seiner Frau geschieden in einer kleinen Behausung gewohnt. Er hat Bienen gezüchtet und den Honig verkauft. Er spaziert mit seinem alten Hund durch die Gegend und er hat Schmerzen. Den Brief mit den Untersuchungsergebnissen aus dem Krankenhaus öffnet er nicht, er verbrennt diesen vielmehr und lebt weiter in die Tage hinein. In seinen Aufzeichnungen geht es um Erinnerungen an die Kindheit, an seine Frau, seine Freundin und um das Leben überhaupt.

Lars Gustafsson ist ein ganz großer Autor, ein philosophierender Erzähler und ein literarischer Philosoph.

So setzt er sich in so wundervoller Klarheit und Einfachheit mit der Liebe auseinander: „Aber man muss sich natürlich fragen: Wenn wir jemanden lieben, oder besser gesagt uns in jemanden verlieben, in was verlieben wir uns dann eigentlich? Lieben wir unsere Vorstellung von einem Menschen oder den Menschen selbst? Vielleicht können wir mit unseren eigenen Vorstellungen in Beziehung treten? Vielleicht sind wir immer nur in unsere eigenen Vorstellungen verliebt?“

Und noch wundervoller als die Betrachtungen über unsere Beziehungsfähigkeit ist die Geschichte „Als Gott erwachte“. Die Geschichte vom nach 20 Millionen Jahren wieder aufwachenden Gott, nachdem sie in einem fernen Winkel des Universums geschlafen hatte. Diese ist so ungemein vergnüglich. Sie hört nämlich die Gebete der Menschen und erhört diese. So wird der Bitte nach Frieden entsprochen indem „jede Waffe, jedes Projektil, bis hin zu den Schwertern der Eisenzeit in den Museen“ sich im selben Augenblick ebenso zu Gold verwandelt hatte wie die Raketen mit ihren Gefechtsköpfen in den Arsenalen der Länder. Das hat Folgen, ähnlich wie in dem zuvor von mir besprochenen Roman „Blackout“ brechen die Börsen zusammen, stürzt der Goldpreis.

Der Roman ist ein Juwel, ein Lesevergnügen, obwohl hier jemand seinen Tod beschreibt und sich die großen Fragen des Lebens nach dem Warum und dem Wozu stellt.

Und er kommt zu dem Schluss: „Was ich gelernt habe: dass es keinen wirklichen Ausweg aus dem Leben gibt. Man kann die Entscheidung nur hinausschieben, mit Geschick und List. Aber es führt kein Weg hinaus. Es ist ein total geschlossenes System, und am Ausgang ist der Tod. Und der ist natürlich überhaupt kein Ausgang.“

Vertrauen Sie mir, ich weiß, was ich ihnen empfehle und lesen Sie dieses wundervolle Werk!