In meinem Bücherregal liegt ein prächtiger Band des Romans „Die Gesandten“ von Henry James. Schon lange wollte ich dieses Werk lesen, da ich unterwegs sein würde, war mir das Buch schlicht zu groß und schwer. So kaufte ich mir die Taschenbuchausgabe einer Neuübersetzung. Was dazu führte, dass ich mich häufiger dabei überraschte, die beiden Übersetzungen miteinander zu vergleichen.

Ich beachtete nicht den Ratschlag des Autors, den er in einem Brief der Duchess of Sutherland im Dezember 1903 erteilte: „Behandeln Sie die „Gesandten“, ich bitte Sie, sehr zart und vorsichtig: lesen Sie fünf Seiten am Tage – seien Sie ruhig so sorgfältig -, aber zerreißen Sie nicht den Faden! Der Faden ist wirklich fast mit wissenschaftlicher Präzision gesponnen. Gehen Sie, Schritt für Schritt, an ihm voran – dann wird sich der volle Zauber erschließen.“

Allerdings gestehe ich, dass dieser Roman in keinem Fall einfach so „weggelesen“ werden kann.

Lambert Strether wird in das gute alte Europa (nach Paris) geschickt, um den Industriellensohn Chad(wick) nach Hause in die amerikanische Provinz zurückzuholen. Aber statt im Sündenbabel Paris zu versinken, trifft er auf Kultur, auf großartige Menschen, wie Madame de Vionnet, die Chad zu einem Mann von Welt geformt hat.

Was alles passiert, welche Verwicklungen sich unser Autor ausgedacht hat, verrate ich nicht. Nur , dass am Ende eines Kapitels meist etwas nicht ausgesprochen wurde und daraus Missverständnisse, ja fatale Irrtümer entstehen.

Ich füge ein paar Zitate an, die illustrieren sollen, was der große Rolf Vollmann in seinem Literaturverführer „Die wunderbaren Falschmünzer“ wie folgt zusammenfasst: „…eines der hinreißendsten Wunderwerke – wer dieses Buch nicht kennt, so möchte man sagen, weiß nicht, was das Leben sein kann.“

Hier nun die angekündigten Zitate: „Er war überglücklich, sie zu sehen, und offenbarte ihr freimütig, was sie ihm aufs gründlichste dementierte, dass man nämlich durchaus jahrelang ohne eine Segnung leben könne, von deren Existenz man nichts ahne; habe man sie aber schließlich auch nur drei Tage erfahren, benötige – oder vermisse – man sie für immer.“

„Leben Sie, so intensiv Sie können; alles andere ist ein Fehler. Was Sie tun, spielt eigentlich keine große Rolle, solange Sie Ihr eigenes Leben leben. Wenn Sie das nicht gelebt haben, was haben Sie dann überhaupt gehabt?“

„Er hätte sie einer noch leicht von Morgenwolken verhüllten Göttin vergleichen können oder einer bis zur Taille von der sommerlichen Brandung umspülten Najade.“

„Er hätte ein Student sein können, der sich von einem Museum bezaubern ließ – und genau das zu sein, in einer fremden Stadt, am Nachmittag des Lebens, diese Freiheit hätte er sich gewünscht.“

„Madame de Vionnet verkörperte eine höchst eigenartige Mischung aus Klarheit und Geheimnis.“

Noch ein Wort zu der Neuübersetzung: Die neue Übersetzung von Michael Walter ist teilweise verschwurbelt, die ältere von Helmut M. Braem und Elisabeth Kaiser hingegen eleganter.

Neu: „Der putzmuntere Pariser Morgen schlug heitere Akkorde an – mit milder Brise und feuchtem Duft, im Gehusch barhäuptiger Mädchen, die mit ovalen, von Schnallenriemen umschnürten Schachteln über die Parkfläche flatterten, …“

Alt: „Der leichtfüßige Pariser Morgen schlug seine fröhlichen Akkorde an: ein sanfter Wind und verstreute Düfte, über den Rasen flatternde barhäuptige Mädchen mit Schnallenriemen an länglichen Büchsen, …“

Egal: so oder so, es ist Weltliteratur!

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