Die Autorin Judith Schalansky hat mich vor einiger Zeit mit ihrem Sammelband „Verzeichnis einiger Verluste“ sehr beeindruckt. In den dort gesammelten Geschichten geht es um Dinge oder Lebewesen, die irgendwann von unserem Planeten verschwanden. In zwölf Kurzgeschichten, jede umfasste 16 Seiten, waren großartige Beschreibungen zu entdecken.
Nun legte diese Autorin einen Band vor, der sich mit drei sehr verschiedenen Stoffen beziehungsweise einem Aggregatszustand beschäftigt: „Marmor, Quecksilber, Nebel. Woraus die Welt gemacht ist, “.
Marmor bezeichnet sie als: „…rohe Datenträger ferner Vorzeit…“. Das ist schön formuliert. Genauso wie das Zitat von Michelangelo: „Selbst der größte Künstler hat keine Idee, die der Marmor selbst nicht schon enthält.“
Früh lässt sie uns wissen: „Es ist nicht das erste Mal, dass ich mir einbilde, die gesamte Weltgeschichte ließe sich anhand eines einzigen Gegenstandes erzählen.“ Aber da folgt dann nichts nach!
Was folgt ist ein Abtauchen in die Berliner Staatsbibliothek. „Dabei beruhigt der Gedanke, dass die Kapazitäten des Magazins zwar gigantisch, jedoch endlich sind. Nie sieht man das Ganze, immer nur einen Teil, und unklar bleibt, wo oben und unten ist, hinten oder vorn. Immer tiefer dringt man in die Materie, kommt vom Hölzchen aufs Stöckchen, läuft sehenden Auges Gefahr, im Stoff verloren zu gehen, dem Urgrund, auf Nimmerwiedersehen.“ Und die Lesenden mutmaßen, sie schreibt hier über ihren eigenen Text.
Dabei schreibt sie teilweise so unfassbar gut, so griffig, so intelligent. Versieht das Geschriebene mit Fotografien und das unter anderem ließ mich den folgenden Satz formulieren, den ich mir für diese Besprechung aufheben wollte. Als ein großes Lob: „Grandiose Prosa, die mich im Stil und der intellektuellen Tiefe an diejenige W. G. Sebalds denken ließ.“ Nein, dem ist dann doch nicht so! Sie berichtet von einer Reise nach Mexiko, sie wird einen Vortrag halten, den sie uns aufbereitet. Ich fragte mich, ob es kein Lektorat bei Suhrkamp gibt. Schließlich kommt das scheußliche Verb „beinhalten“ gleich zweimal hintereinander vor. Es gibt eine Lektorin, die auch im Text angesprochen wird, mit der ein wenig gespielt wird; hat diese doch eine Kürzung angeregt und unsere Autorin erzählt dennoch weiter. Ich vergaß zu erwähnen, dass wir uns im Quecksilber-Kapitel befanden.
Nun sind wir im Nebel-Kapitel angelangt. Und hier nun stolpere ich über einen Absatz, in dem die Autorin Wortherkünfte erläutert und mir nebenbei zu meiner Überschrift verhilft.
„Die Begriffe leiten sich vom Verb brouiller ab, das ebenso >verwirren< wie >verschwimmen< bedeuten kann, sogar >streiten<, und das auch in der englischen broth nachklingt, jener Brühe der Hexenküchen, dem zusammengebrauten, dampfenden Trank, in dem die einzelnen Zutaten noch erkennbar sind: das Ideal einer Brühwürfelliteratur, eher Zustand als Werk, ein Text im Werden, Erinnerungssplitter und Notate, Zitate in Anführungszeichen, aber ohne Quellenangaben, aus dem Zusammenhang Gerissenes, eine diffuse Geschichte, die sich im Halbdunkel erzählt -…“
Frau Schalansky liefert in einem Anhang Angaben zu ihren Quellen, immerhin, bin ich geneigt anzufügen!
