Erst posthum wurde der Roman „Der Überläufer“ des großen deutschen Schriftstellers Siegfried Lenz 2016 veröffentlicht.

Das erste Kapitel ist ein Nachkriegskapitel: Walter Proska benötigt Briefmarlen, um einen Brief versenden zu können. Walter Proska hat also den Krieg, das Abschlachten im Osten, wo die Partisanen den deutschen Soldaten immer mehr Verluste beibrachten, überlebt.

Vom zweiten Kapitel an blicken wir zurück in diese letzte Phase des Krieges. Wir erfahren, dass Walter ein Sprengstoffanschlag gegen den Zug überlebt, mit dem er nach Osten zu seiner Einheit unterwegs ist. Wo er Wanda, die schöne junge Frau kennenlernt, sich in sie verliebt. Er verliebt sich in die Attentäterin und offenbar sie sich auch in ihn. Die wenigen gemeinsamen Momente fasst Lenz in einem Satz zusammen: „Sie spielten mit dem Lachen Fangball.“ Er trifft sich mit Wanda und wird sie schwängern.

Er kommt zu einem versprengten Soldatenhaufen, der langsam von den Partisanen dezimiert wird. Das Gefühl der Männer wird so beschrieben: „…die Männer empfanden ein Gefühl schweren Überdrusses, es war der besonnene Hochmut zum Tode.“

Er freundet sich mit dem jungen Wolfgang an. Der eröffnet ihm, die Seiten wechseln zu wollen: „Wer nur immer sagt: Ich bin gegen den Krieg und es dabei bewenden lässt und nichts außerdem tut, damit der Krieg ausgerottet wird, der gehört ins pazifistische Museum. Wir müssen zu einer Form des aktiven Pazifismus kommen, zu einer gerade in diesem Fall sehr ernsten und rabiaten Handlungsbereitschaft. Mit Denkbemühungen allein ist nichts getan. Wenn wir zu einem festlichen Leben gelangen wollen, muss schon ein aktives Leben in Kauf genommen werden. Wer kontrolliert denn die Werte der Welt? Du, du allein. Nur im Scheinwerferbewusstsein des einzelnen bekommen und behalten die Dinge ihren Wert. Die moralischen Motive sind immer Sache des einzelnen. Wir sollten endlich unsere Kraft dareinsetzen, die Zukunft so vorzubereiten, dass wir in ihr einmal Geborgenheit finden können.“

Proska setzt Spott gegen Wolfgangs Argumentation. Diese zerstreut Wolfgang: „Dein Spott ist billig, Walter, aber nicht infektiös. Ansteckend jedoch ist das nationalistische Ressentiment. Dieses Ressentiment ist die Wurzel des deutschen Hochmuts und der Quell dieses gottverdammten Auserwähltheitsbewusstseins.“ Sätze, die man heutigen Anhängern einer bestimmten Partei auch entgegenhalten kann!

Proska und Wolfgang werden zu den Partisanen überlaufen, der Krieg geht noch weiter, nun kämpfen sie auf der anderen Seite der Front.

Was noch alles geschieht, verrate ich nicht, es bleibt spannend, trotz der Gewissheit, dass Proska den Krieg überleben wird.

Hier und da merkt man dem Roman an, dass er mit heißem Herzen verfasst wurde. Dennoch ist es gut, dass der Roman spät veröffentlicht wurde. Auch dieses frühe Zeugnis belegt die schriftstellerische Kraft des Autors, der für mich in einem Atemzug gemeinsam mit Böll und Grass genannt werden muss.

dtv Verlagsgesellschaft, 335 S., 12 €

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