Michael Angele ein Mitarbeiter der Wochenzeitung „der Freitag“, die am Donnerstag erscheint, hat ein Buch mit dem Titel „Ein deutscher Platz“ geschrieben. Herrje, dachte ich, jetzt schwimmt der Autor auch auf der nationalen Welle. Falsch gedacht! Im Untertitel „Die Ballade vom Stutti“ wird klar, worum es sich handelt: eine Geschichte des Stuttgarter Platzes in Berlin-Charlottenburg.

Ein Platz mit schlechtem Ruf, jedenfalls zu der Zeit, als ich ein Jugendlicher war. Bevor ein Busbahnhof gegenüber des Funkturms gebaut wurde, diente dieser Platz als An- und Abfahrtsort für Busse, die nach Westdeutschland fuhren oder von dort kamen. Unter uns Jugendlichen munkelte man, dass dieser Platz noch eine andere Bedeutung hatte. Hier traf man auf Prostitution. Einige Kneipen haben sich sicherlich zig-mal im Namen verändert, aber beinahe bis heute gehalten und boten noch immer einen Anziehungspunkt. Von all dem schreibt der Autor, gestützt auf eine sehr gute Recherche und blättert Zeitgeschichte auf.

Dass die Kommune 1 hier über ein Jahr lang wohnte, war mir entfallen. Ihre Geschichte nimmt einen breiten Teil des Buches ein. Der Autor räumt mit Vorurteilen auf, die sich beharrlich halten. Zumindest in der ersten Phase spielte Sex, sofern man dem Autor glauben kann, keine herausgehobene Rolle. Der Schreiber dieser Zeilen kann sich kein eigenes Urteil erlauben, da er schlicht ein paar Jahre zu jung war, um über eigene Erfahrungen zu verfügen. Angele führt interessante Verbindungen zwischen den Kommunarden und den DDR-Oppositionellen um Robert Havemann an. Eine spannende Lektüre!

Im letzten Teil des Buches bin ich mir nicht mehr sicher, was der Autor mit ausschweifenden Erzählungen über die Prostitution in den Jahren nach Öffnung der Mauer bezweckte. Hier wird die Geschichte vom Stuttgarter Platz zur Geschichte der Prostitution. Hier verschwimmen auch die vorher klar gezogenen Grenzen zwischen Zeugenberichten und Kolportage. Einen kurzen Moment hatte ich den Eindruck, der Autor möchte noch ein paar Seiten „schinden“. Ich hoffe, ihm mit dieser Vermutung Unrecht zu tun. Denn das Buch ist ein wertvoller Schatz, der über die Zeit berichtet, in der der Platz einige Zeitsprünge zu verdauen hatte und sicherlich nicht das beste Image genoss, welches er auch heute nicht genießt.

Mein Fazit: ein wertvolles Buch für all diejenigen die sich mit der Geschichte eines Platzes in Charlottenburg näher beschäftigen und mehr erfahren wollen.

Nachbemerkung I: Paul Löbe war Reichstagspräsident nicht Reichspräsident

Nachbemerkung II: Im Zusammenhang mit dem „Lentz“ wird auch einer seiner Wirte, Axel, erwähnt. Und da musste ich an den langjährigen Freund einer Schulfreundin und an den Klassenkumpel für ein Jahr denken. Aber das ist privat und eine gänzlich andere Geschichte! 

dtv Verlagsgesellschaft, 254 S., 22 €

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert