Lange genug hatte ich auf den dritten Teil der „Karlmann -Trilogie“ warten müssen. Der Verlag ließ sich viel Zeit mit der Herausgabe der Taschenbuchausgabe des Romans „Dämmerung“ von Michael Kleeberg.
Wir Lesende (und ich gehe davon aus, dass die Leserschaft in diesem Falle viele Männer waren) haben den Hamburger Karlmann (Charly) Renn von seinen Jugendjahren an, über seine Vaterschaft und seinem beruflichen Aufstieg begleitet.
Nun feiern wir mit ihm in einem Hamburger Golfclub seinen 60. Geburtstag.
Und wir betrachten die vielen Gäste: „Bei Charly und bei allen anderen leuchtet die unveränderte Jugendlichkeit aus den Augen und Stimmen hervor, weil das Alter, diesmal das Zeitalter, nicht mit Krieg und Vertreibung, Mord und Tod, Armut und Entbehrung, Schuld und Verzweiflung diese Jugend ausgetrieben und durch bittere Reife versetzt hat. Das Altern ist lediglich ein physiologischer Prozess gewesen, kein existenzieller, keine Vergewaltigung, die Falten und Runzeln sind keine geistigen, sie sind nur Physik und Chemie. Nein, es braucht sozusagen zwei, um zu altern: einen Körper, der das automatisch tut und einen Geist, der sich dazu verhält, indem er sich seinerseits verändert.
Wenn wir einen Querschnitt der Gäste nach ihren Operationen und Medikationen erstellen wollten (ausgenommen wiederum die drinnen sitzenden Greise), dann kämen wir auf zwei Männer, die sich Insulin spritzen, einen, der wegen Schilddrüsenüberfunktion behandelt wird, sechzehn, die Blutdrucksenker nehmen (darunter Charly), neunzehn, die einen zu hohen Cholesterinspiegel haben, neun, die unter Prostatavergrößerung und Beschwerden beim Urinieren leiden, und einundzwanzig, die regelmäßig Viagra nehmen( darunter Charly), davon fünf, die das vor dem Verkehr mit ihrer Frau tun.
Was den mechanischen Apparat betrifft, kommen fünf künstliche Hüftgelenke und drei künstliche Kniegelenke dazu. Ferner sitzen hier unter den Männern zwei, die eine Krebserkrankung (Leukämie, Prostata) überstanden haben, unter den Frauen fünf, die über keine Gebärmutter mehr verfügen, und zwei, deren Brüste plastisch wiederhergestellt sind, sowie ein COPD-Patient.
Das rein Kosmetische angehend, lächeln uns fünfundvierzig teil- oder ganz überkronte Gebisse an, zwei (weibliche) Nasen sind korrigiert, fünf Lippenpaare sind vergrößert, drei mal zwei Brüste, eine Vagina ist verkleinert etwa zwanzig Hälse und Kieferpartien sind (nicht nur bei Frauen) per Spritzen von Falten befreit, und mehrere Bäuche und Schenkel tragen die kaum sichtbaren Narben von Fettabsaugungen.
Viel häufiger als in der Vätergeneration handelt es sich hier um Dorian-Gray-Interventionen, um Abwehrkämpfe gegen den als Störung, als Widernatürlichkeit empfundenen Prozess des Alterns.
Die grauen Haare sind Perücken, die Falten sind aufgemalt, die Fettpolster sind Kissen, die Krankheiten sind reparierbare technische Defekte. Und alle hier haben die Mittel, obwohl die Garantiefrist lange abgelaufen ist, die Mechaniker und Ersatzteile zu bezahlen“.
Es ist der unvergleichliche Sound der Kleeberg-Literatur, der mich einfängt, mich umgarnt und nicht loslässt. Ein Beispiel darf es noch sein: „Mit dem Flirt ist es folgendermaßen bestellt: er ist nichts, was in unserer Natur oder unseren Genen läge, sondern eine Zivilisationskonvention und Entwicklung im Laufe von tausenden von Jahren, entstanden verfeinert und sich gemäß der Zeitsitten verändernd, aber immer darauf ausgerichtet, die Fortpflanzung oder besser gesagt, das, was zu ihr führen könnte oder sollte, nämlich den Geschlechtsakt anzubahnen, ihm vorzufühlen, ihm das eventuelle Terrain zu bereiten, aber eben auf elegante Weise, über die barbarische, neandertalerhafte Kommunikation des Begehrens hinausgehend und zugleich – und das ist ein Zivilisationssprung, wie es neudeutsch heißt noncommital, also zu nichts Finalem verpflichtend, alle ehrenvollen Rückzüge, Abbrüche und Beendigungen einschließend. Wie so viele zivilisatorische Errungenschaften hat sich auch der Flirt im Lauf der Zeit von seiner ursprünglichen Bestimmung gelöst und ist (nicht immer aber oft genug) zu einem Zweck an sich geworden, also zu einer Kommunikationsmethode unter anderen, die aber immer noch voraussetzt, was seit jeher die Basis gewesen ist: eine äußerliche Anziehung, die im Flirt beglaubigt und zugegeben wird und sich als hoffnungsvolles (aber keineswegs immer eingelöstes) Angebot auf Beidseitigkeit versteht.“
Karlmanns Vater, wird in diesem letzten Romanteil sterben; er bringt dies, obwohl schon nicht mehr von dieser Welt, deutlich zum Ausdruck. Die Beerdigung, sie fällt in die „Coronazeit“, wird ein großes Ereignis, trotz aller Beschränkungen. Karlmann wird von seinen jungen Chefs (und einer jungen Chefin) mit einem goldenen Handschlag in die Rente geschickt. Er wird Leiter des Lessinghauses, wie einst sein Vater, und er öffnet das Haus für eine Spendengala zugunsten der Menschen in der Ukraine. Nach dieser Veranstaltung erlebt unser Charly einen Alptraum der besonderen Art (Stichwort: Me-too).
Ein Epilog lässt die Geschichte ausklingen.
Und der Lesende steht staunend aus seinem bequemen Sitzmöbel auf, dem Autor Ovationen entgegenbringend und wieder einmal bekräftigend: Michael Kleeberg ist ein grandioser, vielleicht der großartigste deutschsprachige Gegenwartsautor!
