Und wieder einmal haben wir es mit einem autofiktionalen Roman zu tun: „Silence“ von Albrecht Selge.

Die Erzählung beginnt grandios mit der Schilderung einer Wanderung in Südtirol. Die Wanderer werden von der Stille umhüllt und unser Erzähler meint, einen Menschen in der Dämmerung sitzen zu sehen, vielleicht ein Phönizier aus der Zeit der Alpenüberquerung Hannibals. Er schaut sich das Sternenzelt an und ich denke mir, jetzt könnte unser Erzähler an Friedrichs Gemälde vom Mönch am Meer denken, was er aber nicht tut. Denn die Stille wird durch den Lärm eines Motorrads jäh verscheucht.

Und schon sind die Lesenden an einem anderen Ort der Erinnerung, das Motiv des Karthagers taucht noch einige Male auf, aber das spielt jetzt keine Rolle mehr. Wir erfahren jetzt viel über den Mann, der das alles aufschreibt, über dessen Familie, die drei Kinder, seine Frau (und deren Geliebten). Er breitet sein Hausmannleben vor uns aus. Und es beginnt in wohlgesetzten Worten, denn Selge ist ein guter Schriftsteller, eine gewisse Bildungshuberei. Susan Sontag wird zitiert und Vergil und wir erhalten gratis Musikkritiken.

„Vage kam mir die Erinnerung an einen Satz von Susan Sontag, den ich einmal gelesen hatte, sinngemäß: Es wimmele überall von lärmenden Aufrufen zur Stille.“

Den Mann treiben Fragen um, die auch andere, vielleicht jeder Mensch sich stellt. Er ist auf der Suche, teils nach der verlorenen Zeit, wobei Proust nicht zu den Hausgöttern des Autors zu gehören scheint. Kafka schon und Marlen Haushofer.

„So gerinnt mir immer wieder das ganze Leben zu Wehmutanhäufungen. Die Kunst, glücklich zu sein, sagt in den Trojanern Aeneas zu seinem Sohn beim Abschied von Karthago, müssten ihn andere lehren als der Vater.“ Da geht es dem Mann wie wahrscheinlich vielen Vätern, man will das Beste und scheitert kläglich. Übrigens >>man<<. Immer häufiger fällt mir auf, dass bei Befragungen von Menschen im Fernsehen, diese in dieser „man“-Form antworten, obwohl sie doch sich selbst meinen. „(Und ich sage wieder zu mir selber, du willst nicht dauernd <<ich>> sagen und sagst deshalb <<man>>, und dadurch machst du alles nur noch schlimmer.)“

Der Autor berichtet vom Tod seines dementen Vaters. Von dessen Leben in den Jahren nachdem dessen Frau, die Mutter des Autors, bereits verstorben war: „Das Alter erscheint mir wie ein Ersticken an Einsamkeit.“ Und er verbindet diesen Gedanken mit seiner eigenen Angst vor dem Alter und schlussfolgert: „Und mit einem Mal geht mir das Licht auf, das ich meiner Angst dankbar sein muss. Sie erinnert mich daran und beweist mir, dass etwas da ist, worum Angst zu haben sich lohnt.“

In der bildenden Kunst ist August Macke sein „Hausgott“. Dem widmet er mehrere Gedanken, vor allem naheliegend den folgenden: „Welche Bilder August Macke, mit seinen leuchtenden Farben und der gut gelogenen Natur, wohl gemalt hätte, wenn er nicht im Krieg, nach wenigen Wochen des Grauens, getötet worden wäre?“

Unser Erzähler schwankt hin und her zwischen Zweifel, den Versuchen sich seiner selbst und anderer zu vergewissern. Zweifelt an seiner Berechtigung, Kinder (drei und wenn man der Erzählung glauben schenken will, sehr selbständigen Kindern) auf die Welt geholfen zu haben. „…das Leben, schon schlimm genug, dass wir es unseren Kindern ungefragt als endlich zumuten, aber wie grausam, es auch noch endlos zu machen.“ Dieser Satz bezieht sich auf die Oper „Sache Makropulos“ von Janáček, wo der Musikkritiker so richtig grüßen lässt.

Unser Erzähler wird weitermachen; er wird weitere virtuos geschriebene Werke vorlegen, aber …?

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