Brigitte Reimann schildert in ihrem autofiktionalen Roman „Die Geschwister“ den Versuch, ihres zweiten Bruders in den „Westen“ zu verhindern. Der erste Bruder ist bereits nach Westdeutschland „abgehauen“. Nun will Uli, ihr Lieblingsbruder, ihm folgen. Uli offenbart seiner Schwester die Absicht und diese ist schockiert. Sie will diese Flucht verhindern; sie ist Malerin, nicht Mitglied der SED, aber vom Sozialismus überzeugt. Ihr Staat ist das bessere Deutschland. Reimann schildert brillant ein Treffen mit ihrem älteren Bruder in Westberlin; sie begleitet ihre Mutter, man trifft sich im Hotel Kempinski und es wird klar, dass hier tatsächlich Klassengegensätze aufeinanderprallen.
Ihr bleiben gemeinsam mit ihrem Verlobten zwei Tage, um Uli vom Bleiben zu überzeugen. Es finden sehr offene Gespräche statt, sie berichtet von ihren Schwierigkeiten in ihrem Betrieb, in dem sie „Werktätigen“ die Kunst näher bringen soll, Fuß zu fassen und sich gegen alte „Genossen“ durchzusetzen.
Auf solche Menschen konnte die DDR stolz sein und es ist ein Wunder, dass dieser Roman überhaupt erscheinen durfte. Die hier vorliegende Fassung basiert auf der Originalniederschrift der Autorin, die 2022 im Keller des Wohnhauses der Autorin in Hoyerswerda gefunden wurde. Aber das ist alles nebensächlich. Es zählt nur dieser großartige Text, der belegt, dass Brigitte Reimann zu den herausragenden deutschen Nachkriegsautoren gehörte.
