Ich beurteile Romane zwar nicht nach deren ersten Sätzen, aber ein erster Satz oder Absatz (da denke ich an Tolstois Anna Karenina) hat eine wichtige Funktion: die Lesenden für die Lektüre zu interessieren, sie „zu fesseln“ und zum Eintauchen einzuladen.
Und wenn ein Kriminalroman mit dem folgenden Satz beginnt, dann hat er mich zumindest schon einmal „eingefangen“: Meinen Vater lernte ich auf seiner Beerdigung kennen.“
Der Roman „Davenport 160 x 90“ von Sybille Ruge kommt daher, als ob die Autorin bei Dashiell Hammett und Raymond Chandler Kurse über die Kunst des Schreibens von Kriminalromanen belegt hätte. Ihre Heldin, Sonja Slanski, ist Chefin und einzige Mitarbeiterin einer Inkassofirma, auf ihrer Visitenkarte steht „Forderungsmanagement“ und ist Dank ihrer Verbindungen sehr erfolgreich.
Dann überschlagen sich die Ereignisse: ihre Mutter stirbt, die Halbschwester Luna taucht auf und wird ermordet. Luna war Künstlerin und so gibt es „nette“ Sätze über den Kunstbetrieb: „Die hektische Kuratorin begrüßte ein paar betagte Herren in klassischen Anzügen mit einem pseudomutigen Detail, bunte Socken, grelle Westen, ein Basecap war auch dabei – Verzweiflungsmode, wie es ab 60 vorkommt, wenn man anfängt, Eichendorff zu lesen, Barockmusik gut findet und sich in enge Rennradklamotten zwängt.“
Der Roman hält, was sein erster Satz versprach! Unterhaltung und Spannung. Was wollen Krimilesende mehr?
