„Die Landeshauptstadt München erwägt, aus dem Domicil eines der ersten Nobelpreisträger für Literatur – hier wohnhaft – einen Gedenkort und eine Begegnungsstätte für kulturinteressierte Menschen zu machen.“
Das schreibt der Autor Hans Pleschinski in seinem Roman „Am Götterbaum“. Der Dichter ist Paul Heyse, der für sein Werk 1910 mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet wurde. Es ist die Absicht des Autors, den weithin vergessenen Schriftsteller, wieder einen Ehrenplatz zuzuweisen. Pleschinski arbeitet sich an den deutschen Nobelpreisträgern ab. Nach Mann und Hauptmann erschien 2020 der hier zu besprechende Roman.
Der Autor wählt hierzu einen kleinen Kreis aus, der die ehemalige Heyse-Villa besichtigen soll, um sie auf die Eignung einer Gedenk- und Bildungsstätte zu prüfen. Neben der Baustadträtin sind das eine gerade von einer Lesungsreise aus Sibirien zurückgekehrte Schriftstellerin und eine Heyse-affine Archivarin. Es wird noch ein Hochschullehrer aus Erlangen (nebst Ehemann) hinzukommen, der eine erste Heyse-Biographie verfassen möchte.
Nun nötigt uns der Autor auf eine Besichtigungstour durch München und in mir keimte der Verdacht auf, dass die Entstehung dieses Romans vom Münchener Fremdenverkehrsamt gefördert wurde.
Wir kämpfen uns durch die Stadt und lassen über uns die Gedanken des Autors niederprasseln, die beim Flanieren, beim Aufschnappen von Wortfetzen, beim Beobachten der Menschen um uns entstehen. Unterbrochen von einem Heyse-Gedicht oder einem Zitat.
Erschöpft kommen wir bei der Villa an, die bewohnt ist, deren Bewohner allerdings befürchten, es würden wieder einmal Immobilienhaie das Filetstück sich einverleiben wollen.
Es gibt in diesem Roman ein Kapitel, „Das Gewitter“ überschrieben, in dem der Autor uns in die Zeit des Nobelpreisträgers versetzt. Wir befinden uns in dem Heyse Anwesen am Gardasee. Wir tauche ein in diese rund 110 Jahre entfernte Welt und spüren die ganze erzählerische Kraft des Autors Hans Pleschinski. Schade, dass ihm kein Mensch geraten hat, den gesamten Roman in dieser Weise zu verfassen.
Es wäre ein sehr lesenswerter Roman geworden.
