Womit beginnen? Meine Gedanken zu dieser Lektüre folgen nicht dem gewohnten Muster: Inhaltsangabe, Wertung und Schlussbetrachtung. Ich lass mich dieses Mal tragen von meinen Eindrücken. Gedankenschnipsel und kurze Bilder.
Ich spreche über das Buch „Orbital“ von Samantha Harvey (im Deutschen als „Umlaufbahnen“ erschienen). Es ist kein Roman, kein Sachbuch. Es ist vielleicht tatsächlich das, was die Autorin bei einer ihrer Beschreibungen eines Überflugs des Raumschiffs auf die Erde bezogen beschreibt: „…the earth feels – not small, but almost endlessly connected, an epic poem of flowing verses.“
Las Meninas! Das Velázquez Gemälde. Schon im zweiten Kapitel und noch einmal im Kapitel zehn. Die Frage von Shauns Frau, wer das Subjekt des Gemäldes sei, beantwortet Pietro: Es ist der Hund. Und das ist eine kluge Antwort. Denn alle anderen Figuren dieses Gemäldes blicken irgendwo hin. Nur nicht der Hund, der ruht und wartet, was passieren wird.
Die Entstehung des Universums im Kapitel 13, der sich daraus entwickelnde Kalender, ist nicht neu, aber verdeutlicht die menschliche Bedeutungslosigkeit. Die Zusammenstellung der Ereignisse und Personen ist fragwürdig und ich will sie weder hinterfragen noch kritisieren. Ich konnte mich des Eindrucks nicht erwehren, dass hier noch ein paar Seiten „herausgeholt werden sollten“. Das trifft auch auf ein anderes stilistisches Element zu: Die Autorin belässt es nicht bei einem Substantiv oder einem Adjektiv, sondern reiht zig Substantive oder Adjektive aneinander. Das mag in einem oder zwei Fällen durchaus wirksam sein, um die Besonderheit einer Situation darzustellen. Der Effekt nutzt sich jedoch schnell ab.
Fasziniert hat mich, dass die Autorin sich Kraft ihrer Imagination in den Raumflug versetzen konnte, dass sie alles beschreibt, als wäre sie dabei gewesen. Das ist eine großartige Leistung.
Ein Raumschiff bringt Menschen zum Mond und in der Raumstation leben vier Männer und zwei Frauen für Monate zusammen. Die beiden Russen haben einen von den anderen abgetrennten Bereich, aber dennoch ist es ein Zusammenleben. Eine Amerikanerin und eine Japanerin sowie ein Amerikaner und ein Italiener komplettieren die „Wohngemeinschaft“. Diese Erzählung hat keinen Plot, entfaltet keine durchgängige Geschichte. Die Lesenden sind für vierundzwanzig Stunden mit an Bord. Sie begleiten mal den einen, dann den anderen. Es sind kleine Geschichten, wie die oben angedeutete. Es ist der Tod der Mutter der Japanerin. Die Gedanken an eine philippinische Fischerfamilie, auf deren Heimat ein Taifun zurast. Der Italiener hatte diese Familie während eines Tauchurlaubs auf den Philippinen kennengelernt.
Eine interessante Lektüre. Ob dieses schmale Buch zurecht mit dem Booker Prize 2024 ausgezeichnet wurde, kann ich nicht beantworten, weil ich die Mitbewerber nicht kenne.
Ich las es gern.
