Ein wenig überraschend, wie fast in jedem Herbst, kam für mich die Meldung, dass László Krasznahorkai den Nobelpreis für Literatur erhalten habe. Ich wollte mir mit der Lektüre eines ersten Werkes einen Eindruck verschaffen. Meine Wahl fiel auf den 1989 erschienen und 1992 von Hans Skiecki ins Deutsche übertragenen Roman „Melancholie des Widerstands“.
Das Werk zeichnet sich durch sehr lange Sätze aus. Das erhöht den Lesefluss, steigert das Tempo der Erzählung und treibt die Lesenden an, bei der Lektüre zu bleiben; weiterzulesen auch wenn man gern eine kurze Pause hätte, um über die Lektüre nachzudenken, nicht wie bei anderer Prosa, man sich nach einem Absatz eine Verschnaufpause gönnt, das Buch zur Seite legend, einen Tee bereitet oder die neuesten Nachrichten zunächst einmal abruft.
In einer ungarischen Kleinstadt zieht ein Zirkus ein, eher die Zurschaustellung einer einzigen Attraktion: ein Riesenwal wird gezeigt. Frau Pflaum kehrt von einem Besuch ihrer Schwester heim. Der Personenzug fällt aus, stattdessen wird ein alter Ersatzzug eingesetzt und die Frau fühlt sich von den vielen Mitreisenden bedrängt und ein Mann versucht, sie auf der Zugtoilette zu vergewaltigen. Wieder in ihrer Stadt angekommen begegnet ihr das Fahrzeug, das den Wal zum Marktplatz schleppt. Die Straßenbeleuchtung ist ausgefallen, auf den Straßen stapelt sich der Müll und sie fürchtet, von dem Kerl, der sie vergewaltigen wollte, verfolgt zu werden. Schließlich erreicht sie in dieser „erschreckenden Vollkommenheit des Schweigens …“ ihre heimelige Wohnung, wird aber noch im weiteren Verlauf des Abends von Frau Eszter aufgesucht, die „… aus der Atemnot der lange aufgeschobenen Aktivität in die berauschende Luft des Tuns treten konnte…“
An dieser Stelle breche ich die Nacherzählung ab, die geschätzten Lesenden müssen selbst lesen, was da passiert. Eine wichtige Figur ist Valuska, der Sohn der Frau Pflaum, der den Gästen seiner Stammwirtschaft gern die Sonnenfinsternis erklärt: „…die Gäste, die ihm nun den Rücken zuwandten, auf das ununterbrochene Verrinnen der Zeit aufmerksam machte, versprach Valuska eine klare und jedermann verständliche Erklärung, einen Spalt, wie er sagte, durch den auch ‚wir einfachen Menschen etwas von der Unsterblichkeit begreifen können‘, dazu bitte er lediglich darum, sie sollten jetzt mit ihm hinaus in einen grenzenlosen Raum treten, wo ‚die Beständigkeit, der Friede und die Geräumigkeit in sich tragende Leere der Herr sind‘, und sich vorstellen, hier, in dieser unfassbaren, endlosen, rauschenden Stille herrsche überall undurchdringliche Finsternis.“
Es braut sich etwas zusammen in dieser Kleinstadt: „…das Wesen der der Situation bestehe in beständiger Verschlechterung, …“ ein Wille zum Widerstand, zur Abwendung des Schicksals scheint nicht vorhanden: „…die furchterfüllte Stummheit des Duldens, das vollkommene Fehlen des Widerstands sie zunehmend lähmte…“.
Es kommt zu einem Tumult, es kommt zum Vandalismus und es gibt Tote; das herbeigerufene Militär stellt die Ordnung wieder her und auch bei denen, die sich an den Ausschreitungen beteiligt haben, macht sich ein Eindruck breit: „…und ihnen möglicherweise der Gedanke kam, wenn dies alles keinen Sinn hatte, sei vielleicht auch ihr grausames Wüten sinnlos gewesen…“.
Wie es endet, wird nicht verraten.
Ich war von der Lektüre beeindruckt, der Stil Krasznahorkais hat mich gefangen genommen und selbst die letzten Seiten, eine biochemische Prosa über die Verwesung, nötigen Respekt vor der Leistung dieses Autors ab!
Eine anstrengende, eine fordernde aber auch eine zutiefst befriedigende Lektüre!
