Als ich vor einigen Jahren den Roman „Das Feld“ von Robert Seethaler gelesen und hier besprochen hatte, bekam ich den Rat „Leben der kleinen Toten“ von Pierre Michon zu lesen. Ich kaufte mir das Buch, las einige der Geschichten und legte das Werk dann zur Seite. Ich hatte diverse Anmerkungen in dem Text gemacht, leider keine darüber, warum ich die Lektüre nicht beendete. Nun holte ich die Lektüre nach und war von dem Text und auch von der außergewöhnlichen Übersetzung aus dem Französischen von Anne Weber sehr beeindruckt.
„Vies minuscules“, wörtlich „winzige Leben“ oder, wie der Titel der deutschen Übersetzung lautet, „Leben der kleinen Toten“, war 1984 Michons Debüt. Es machte ihn schlagartig bekannt.
Dieses Werk ist autofiktional eingefärbt, es schildert den Lebensweg eines Jungen aus ländlichen Verhältnissen, der sich mit (humanistischer) Bildung vollsaugt, der Schriftsteller werden will, der aber keine Zeile zu Papier bringt. Der wundervolle Frauen an seiner Seite hat, die er allesamt enttäuscht. Der in Alkohol und anderen Drogen versinkt. In eine „Heilanstalt“ eingewiesen wird, auf einen früheren Pfarrer von ihm trifft, der jetzt der religiöse Beistand für die Heiminsassen ist und selbst ein schwerer Alkoholiker geworden ist.
Neben dieser, seiner eigenen Lebenserzählung, berichtet Michon über kleine Leute, die ihm begegnen, deren letzten Lebensabschnitt er nachzeichnet und genau damit diesen „kleinen Toten“ ein Mahnmal setzt.
Jeder Satz in diesen Erzählungen, so scheint mir, ist sorgfältig formuliert, genau durchdacht.
Auf einer Seite habe ich beseelt notiert: „Was für eine großartige Lektüre!“
An vielen Stellen nimmt Michon Bezug auf Gemälde von van Gogh und Rembrandt, aber auch Théodore Chassériau! Natürlich begeistern mich solche Referenzen besonders.
Und ich will nur wenige Sätze hier aus dem Kontext gelöst präsentieren, damit Lesende ein Gefühl für die wunderschöne, bilderkräftige und poetische Sprache dieses Autors entwickeln mögen:
„Das Kind hört zu, wiederholt zunächst ängstlich, dann mit Wohlgefallen. Es weiß noch nicht, dass die schöne Sprache den Menschen seiner Klasse oder seiner Art, die näher an der Erde geboren und schneller wieder von ihr verschluckt werden, keine Größe verleiht, sondern Sehnsucht und Verlangen nach Größe.“
„Schon überrascht die Meerluft die Lungen dieses Mannes des Landesinneren.“
„…und war den sachten und gedankenlosen Abhang der täglichen Trinker hinuntergepurzelt…“
„Meine Mutter gab mich in ein Internat, als ich noch im zartesten Alter war; nicht als Bestrafung. Es war so üblich, denn das Gymnasium war weit, Zuge verkehrten nur selten, die Transportmittel waren teuer; …“
„Er war auf eine fröhliche Weise ungesellig, …“
„…die anderen hoffen wie ich auf irgendeinen Windstoß, der sie ohne Schwierigkeiten in ihre Bestimmung hineinwehen würde.“
Selbst wenn das „Falschgeld der Erinnerung“ vieles von dem, was der Autor uns präsentiert sich nicht so verhalten hat, bleibt es ganz große Literatur. Ein literarisches Juwel. Und ich wiederhole den Satz, den ich auf einer Seite des Buches berauscht notierte: „Was für eine großartige Lektüre!“
