In einem Band des Fischer Taschenbuch Verlags finden sich Aufsätze und Berichte des von mir sehr geschätzten Schriftstellers W. G. Sebald, die ich bisher nicht gelesen hatte.
Ich griff zu dem Band, weil ich die Lektüre der „Traumpfade“ von Bruce Chatwin nach vielleicht 50 Seiten weggelegt hatte. Dieser einfache Stil des Autors, seine umständliche Art des Erzählens, das war mir zu banal. Ich hatte ja gerade die Lektüre des großartigen Werks von Pierre Michon abgeschlossen. Dort war jeder Satz ein Kunstwerk, vollendet formuliert. Nein, ich wollte mir diesen trivialen Text nicht antun!
So griff ich zu Sebald und erlebte eine kleine Überraschung, insofern der Band einen kurzen Text einer „Annäherung an Bruce Chatwin“ enthielt. Aber dieser Text veranlasste mich nicht, zu den Traumpfaden zurückzukehren.
Zunächst enthält der Band einige Texte über Korsika, der Insel mit vielen persönlichen Erinnerungen. Und so ärgerte ich mich, bei meinen Aufenthalten nie Ajaccio einen Besuch abgestattet zu haben und somit auch nicht das dortige Musée Fesch besichtigt zu haben: „in das eigens in Ajaccio gebaute Museum, befinden sich eine Madonna von Cosimo Tura, Botticellis Jungfrau unter einer Girlande, Pier Francesco Cittadinis Stillleben mit türkischem Teppich, Spadinos Gartenfrüchte mit Papagei, Tizians Porträt des jungen Manns mit dem Handschuh und andere wundervolle Gemälde.“
Der Anfang des Absatzes beschäftigt sich damit, dass der Mensch seinen kulturellen Neigungen nachgeht, und ich fand mich darin sofort wieder: „…mit nichts beschäftigt als dem Studium der vergangenen und der vergehenden Zeit. Weil aber keiner von uns wirklich still nur für sich sein kann und wir alle immer etwas mehr oder weniger Sinnvolles vorhaben müssen, wurde das in mir aufgetauchte Wunschbild von ein paar letzten, an keinerlei Verpflichtung gebundenen Jahren bald schon verdrängt von dem Bedürfnis den Nachmittag irgendwie auszufüllen, und also fand ich mich, kaum dass ich wusste, wie, in der Eingangshalle des Musée Fesch mit Notizbuch und einem Billett in der Hand.“
Er besichtigt Friedhöfe, der ganze Band trägt den Titel „Campo Santo“. Wir lesen: „ein ziemlich verwahrloster Platz von der in Frankreich nicht seltenen Art, wo man eher den Eindruck hat eines von der Kommune verwalteten, für den profanen Abraum der menschlichen Gesellschaft bestimmten Areals als den eines Vorhofs des ewigen Lebens.“
Und in den Betrachtungen stecken immer Gedankengänge, die den Lesenden bereichern, weil sie ihm neue Denkwege eröffnen: „Dort hingen an den Wänden seit der Einführung der Photographie, die ja im Grunde nichts anderes ist als die Materialisierung gespenstischer Erscheinungen vermittels einer sehr fragwürdigen Zauberkunst, die Bilder der Eltern und Großeltern…“
Oder: „Seine Identität wird unterwandert vom Vergehen der Zeit. ‚Als ich bin, war ich.‘“
In einem zweiten, sehr umfangreichen Teil sind Texte versammelt, in dem der Autor sich mit der deutschen Nachkriegsliteratur und bestimmten Fragestellungen beschäftigt.
„Weshalb die Zerstörung der deutschen Städte im Ausgang des 2. Weltkriegs von wenigen die Regel bestätigenden Ausnahmen abgesehen weder zum damaligen Zeitpunkt noch auch später Gegenstand literarischer Darstellungen geworden ist, dafür gibt es bis heute keine zureichende Erklärung, obschon sich aus dem zugegebenermaßen komplexen Problem mit einiger Sicherheit bedeutsame Rückschlüsse auf die Funktion der Literatur hätten ziehen lassen.“
„Die Luftangriffe, die die Zerstörung der Städte verursachten, erscheinen in döblineskem, pseudoepischem Stil als transreale Gegebenheiten…“
„…bewahrheitet sich das Diktum Brechts, dass der Mensch durch Katastrophen so viel lerne wie das Versuchskaninchen über Biologie, …“
Er zieht die Hypothese der Mitscherlichs von der ‚Unfähigkeit zu trauern‘ heran und zeigt auf, wie staatlich verordnete Trauer, nicht funktionierte.
„Die unglücksselige Einrichtung des Volkstrauertages und des Tages der deutschen Einheit, zu dem man in den Jahren des Kalten Kriegs Kerzen für die Brüder und Schwestern drüben im Osten in die Fenster zu stellen hatte, waren verquere Anzeichen dafür, dass die natürliche Trauerreaktion ausgeblieben war und gewissermaßen von staatswegen erst vorgeschrieben werden musste.“
Es ist das Muster, welches später auch auf die „Freudentage“ übertragen werden sollte. Die Einrichtung des 3. Oktober als Tag der Deutschen Einheit ist genauso blutleer. Man hätte den 23. Mai als Nationalfeiertag ausrufen sollen, denn ohne ein Grundgesetz, zu dessen Geltungsbereich die Länder der ehemaligen DDR beitraten, gäbe es die Einheit in Freiheit nicht.
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Der mich am tiefsten berührende Aufsatz war der über Jean Améry: „Mit dem Augen des Nachtvogels“. Ein Text für den die Lesenden starke Nerven benötigen. Er zitiert aus Amérys „Jenseits von Schuld und Sühne“ von den Torturen, die der Gefangene ausgesetzt war, von den Foltermethoden des SS. Wer dies gelesen hat, kann sich den Nazis, in welcher Camouflage von heute auch immer, nur entgegenstellen.
