Den impressionistischen Malstil schätze ich sehr und wenn man sich mit dem Leben und dem Werk einiger der bedeutenden Künstler jener Zeit beschäftigt, stößt man auf eine große Freundschaft, mit Höhen und Tiefen, zwischen dem Maler Paul Cézanne und dem Schriftsteller Émile Zola. Ob es berechtigt ist von einem Schlüsselroman zu sprechen und die Romanfigur Claude Lantier mit Cézanne gleichzusetzen, vermag ich nicht abschließend zu beurteilen. Übereinstimmungen allerdings mögen ausgereicht haben, die Freundschaft zwischen den beiden großen Franzosen für viele Jahre zum Erliegen gebracht zu haben.
Sicherlich hat sich Zola auch an dem schmalen Band von Balzac „Das unbekannte Meisterwerk“ abarbeiten wollen. Der Maler Frenhofer dort endet im Wahnsinn und Claude wird am Ende auch wahnsinnig sein. Er hat den Gedanken schon früh geäußert, als sein Gemälde im Rahmen einer Ausstellung eher wenig Wertschätzung erfährt: „…Ah, wenn man den Mut hätte, den Stolz, sich vor seinem letzten Meisterwerke aufzuhängen!“ Aber der Reihe nach! Dieser Roman „Das Werk“ ist viel zu schön komponiert als jetzt schon einen Schlussstrich zu ziehen.
Der Roman ist die Lebens- und Liebesgeschichte von Claude und Christine. Dieser Roman beginnt so aufregend im Gewitter über der Seinemetropole, dass im Kopf der Lesenden ein Film abläuft. Ein völlig durchnässtes Mädchen findet Unterschlupf für die Nacht im Atelier des Künstlers. Er überlässt ihr sein Bett, nächtigt selbst auf einem Sofa, alles in großer Unschuld. Und so bleibt es für lange Zeit; es dauert lange bis man sich wiedersieht, es dauert lange, bis aus der Freundschaft eine Liebschaft wird. Doch Zola findet so schöne Sätze für das erste Mal: „Und in leidenschaftlicher Liebe gaben sie sich einander hin.“ und die Zeit der großen Gefühle, als man schon zusammenlebt: „…so begehrenswert, dass er aller Augenblicke die Palette beiseitetat und sich neben sie legte, und dann ließen sie sich in glücklicher Hingenommenheit vom Rausch aller Erdenschöne wiegen.“
Der Autor beschreibt auch die Zeit vor Christine, als man in einem kleinen Kreis von jungen Künstlern durch Paris zog: „So gingen die vier unter beständigen Diskussionen den Boulevard hinab, dessen halbleere Einsamkeit mit den endlosen Reihen ihrer schönen Bäume eigens für ihre Gespräche geschaffen zu sein schien.“
Und Zola malt mit seinen Sätzen diese wunderschöne Stadt Paris: „Der schöne Tag neigte sich in einem wunderbaren Goldstaub.“ In den Diskussionen mit seinen Freunden kommt man zu Ideen: „…homerisch heroisch Episches
„Claude plauderte sich noch immer durch die nachtöden Straßen dahin.“ Und wenn man aufschaut, sieht man: „Das ist das unter diesem Glorienschein entschlummernde Paris.“ Oder sie nahmen die Atmosphäre der Stadt auf: „Die Sonne begleitete sie all diese lebenatmende Heiterkeit der Quais entlang: das Leben auf der Seine, der Tanz der Lichtreflexe auf der dahingleitenden Flut, die vergnüglichen Kaufläden, die warm wie Treibhäuser waren, die Topfblumen der Samenhändler, die zwitschernden Käfige der Vogelhändler, all dieser muntere Lärm von Tönen und Farben, der am Rande des Wassers die ewige Jugend der großen Städte erstehen ließ.“
Aber auch Zola wusste schon von der Hitze dieser Großstadt zu berichten: „Nichts ist im Sommer so heiß wie Paris; selbst Leute aus tropischen Gegenden wischen sich die Stirn; es ist mit seinem Glutregen ein wahres Afrika.“
Dann bleiben die Enttäuschungen für unseren Maler nicht aus, man lehnt seine Bilder regelmäßig bei der großen Ausstellung ab. Viele Künstler haben sich deshalb zu einem Salon der Abgelehnten zusammengeschlossen. Aber hier lacht man über sein Werk, währen andere Gemälde gefeiert werden. Zola schildert diese Stimmung von der offiziellen Salonausstellung der Pariser Akademie der Schönen Künste ebenso beeindruckend wie diejenige des Salons der Zurückgewiesenen.
„Man ist immer Anfänger. Die Freude besteht nicht darin, dass man oben angelangt ist, sondern im Steigen, dass es noch immer munter aufwärts geht.“ Diese Erkenntnis kommt nicht Claude, sondern sie wird von einem schon arrivierten Künstler geäußert und ist sicherlich zu jeder Zeit gültig. Zola beschreibt auch, wie Künstler zu „Stars“ gemacht werden, so schon vor knapp 150 Jahren und so auch noch heute:
„Heute aber blasen alle Trompeten der Öffentlichkeit das erste, beste Herrchen aus, wenn es nur halbwegs eine Figur zustande bringt. Und was für eine Öffentlichkeit! Ein Charivari von einem Ende Frankreichs bis zum anderen. Berühmtheiten, die über Nacht inmitten der gaffenden Bevölkerung emporschießen.“
Nur wenige werden den Selbstmörder Claude auf dem Weg zu seiner Beisetzung begleiten. Und den Lesenden kommt ein Satz von Claude in den Sinn als der mit seinem Freund Sandoz auf den Spuren ihrer Vergangenheit durch Paris streifte: „…was war die Vergangenheit weiter als der Friedhof unserer Einbildungskraft?“
Ein grandioser Roman!
