Das folgende richtet sich an Lesende ab 20 Jahren
Lassen Sie mich mit einer Frage beginnen: Kennen Sie den Unterschied zwischen Asylanten und Expats? In diesem Roman geht es ausschließlich um letztere.
Ein junges Paar, Anna und Tom, kommt aus Südeuropa nach Berlin. Anfangs können Sie kein Deutsch und auch nur schlecht Englisch. Sie sind beide Nerds und übernehmen Arbeiten, wie die Erstellung von Internetauftritten und dergleichen mehr. „‘Daddeln‘ am Rechner, im Netz: Alles in allem hätten sie nicht zu sagen vermocht, wie viel Zeit sie damit verbrachten. Sehr viel, vermuteten sie.“
Es geht ihnen gut. Unter der Woche viel Arbeit, am Wochenende feiern. Feiern mit allem, was dazugehört, inklusive Drogen und Sex und dergleichen mehr. Alle Trends werden mitgemacht:„…hausgemachte Fermentierung, der über der Flamme geröstete Blumenkohl, das Umami entdeckt.“
Der Autor listet auf, was alles so über uns im Netz über unsere Köpfe schwappt: „…Ein Milliardär kippte sich einen Eimer Eiswürfel über den Kopf. Eine Modemarke beutete Weberinnen in Ostasien aus. Ein Mädchen nahm jedes Mal auf, wenn man ihr auf der Straße nachpfiff. …“
So schleust uns der Autor Vincenzo Latronico in seinem Roman „Die Perfektionen“ durch ein hippes Berlin. Irgendwann beginnt der Zauber sich allerdings zu verflüchtigen. So bricht man nach Lissabon auf; „…und machte die Erkundungen gleichförmig und allzu touristisch, was nicht das Bild war, das sie von sich haben wollten.“ Sie finden dort aber nicht das, was man suchte, kehrt enttäuscht nach Berlin zurück, um ein Erbe in der Heimat anzutreten und sich vielleicht dort zu verwirklichen.
Es ist kein Berlin-Roman, wie man hier und da hört, aber es ist der Roman über eine junge Generation, die ihren Weg noch nicht gefunden zu haben scheint. Es ist noch nicht alles so, wie auf den Bildern, aber es könnte noch so werden. Ist dieser Roman auch für ältere Generationen interessant? Ich sage ja und schließe mit einem nachgestellten Zitat von Hans Magnus Enzensberger: „Dass sie, der Sie dies lesen, dies lesen, ist fast schon ein Beweis, ein Beweis dafür, dass sie dazu gehören“.
