Vorbemerkung

Vor einiger Zeit las ich den Roman des von mir sehr geschätzten Autors Michael Kleeberg: „Der Idiot des 21. Jahrhunderts – Ein Divan“. Ich berichtete darüber an dieser Stelle.

Der Roman lehnte sich an Goethes „West-Östlichen Divan“ an und der im Titel erwähnte Idiot spielt natürlich auf den Roman von Fjodor Dostojewskij an, den ich vor langer Zeit zu lesen gemeint hatte. Ich griff zu meiner „dtv Dünndruck-Ausgabe“ und musste feststellen, dass das Werk keinerlei „Lesespuren“ aufwies und mir schwante, dass ich den Roman ja vielleicht gar noch nie gelesen haben könnte. Ja, ich hatte eine von Frank Castorf Anfang 2000 inszenierte dramatisierte Fassung im Theater gesehen, aber nie danach zum Buch gegriffen.

Das holte ich jetzt nach!

Meine Anmerkungen

Der junge Fürst Myschkin kommt nach vielen Jahren des Auslandsaufenthalts nach Russland zurück und macht im Zug die Bekanntschaft von Parfen Rogoschin. Der Fürst kehrt ohne Gepäck zurück, er war in der Schweiz in einer Klinik, wurde ein wenig unterrichtet und ansonsten wegen seiner Epilepsie behandelt. „Die häufigen Anfälle seines Leidens hatten ihn fast ganz zum Idioten gemacht (der Fürst selbst gebrauchte dieses Wort: Idiot).“

Noch an diesem ersten Tag lernt er die gesamte Familie Jepanschin kennen. Den General, dessen Gattin Lisaweta, die eine entfernte Verwandte des Fürsten sein könnte, und deren drei Töchter, Alexandra, Adelaida und die schöne Aglaja. Später am Abend dieses offenbar nicht enden wollenden Tages trifft er bei einer Feier auf Nastasja Filippowna, deren Fotografie er bereits im Laufe des Tages gesehen hatte. Viel später fasst der Autor es wie folgt zusammen: „Und gleich am ersten Tag erzählt man Ihnen die traurige und herzerhebende Geschichte einer gekränkten Frau, Ihnen, das heißt dem Ritter, dem jungfräulich Reinen – die Geschichte einer Frau! Am gleichen Tag sehen Sie diese Frau: Sie sind bezaubert von ihrer Schönheit, einer phantastischen, dämonischen Schönheit – ich bin einverstanden, dass sie eine Schönheit ist. Nehmen Sie Ihre Nerven dazu, Ihre Epilepsie, unser Petersburger nervenzerrüttendes Tauwetter; …“

Nastasja spielt mit den Männern, jahrelang wurde sie von einem ausgehalten, nun spielt sie mit Rogoschin und einem anderen jungen Mann, Ganja. Da kommt der Fürst gerade recht. Der junge Mann wird zum Spielball, erst recht als bekannt wird, dass er ein Vermögen geerbt hat – auch wenn dieses nicht so groß ausfällt, wie gemutmaßt wird. Er wird mit Nastasja für eine kurze Zeit zusammen sein. Dann wendet sich die Dame Rogoschin zu.

„Übrigens ist es bekannt, dass der Mensch, wenn er von einer übermächtigen Leidenschaft ergriffen ist, besonders in reiferen Jahren, völlig blind wird und handelt wie ein dummes Kind, selbst wenn er eine hohe Denkerstirn hat.“ liest man an einer anderen Stelle des Romans, auch wenn sie nicht auf den Fürsten gemünzt ist. Der Fürst verliebt sich nunmehr in Aglaja und das doch, obwohl er beteuert: Ich bin wahrhaftig nur gekommen, „um Menschen kennenzulernen.“

Die Geschichte in all ihren Facetten nacherzählen zu wollen, verbietet sich von selbst. Alles steuert auf ein Treffen der beiden Schönheiten zu. „Sekundiert“ von Rogoschin und dem Fürsten. Und alles weitere muss man sowieso alleine lesen, denn in unseren Händen liegt ein Stück grandioser Weltliteratur.

Der Roman ist so modern geschrieben: kein Wunder, dass Castorf ihn dramatisierte, der Text ist vom Autor bereits so angelegt. Auch enthält der Roman Kapitel, die im Bewusstseinsstrom verfasst sind, am Ende des Romans fasst der Dichter „Zeugenstimmen“ zusammen. So schafft er immer wieder einen neuen Erzählstrom Wie nebenbei werden die großen Themen behandelt, die Religion, oder  der dritte Teil beginnt mit einer sehr interessanten Einleitung über den Zustand Russlands in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts!

Und dann sind es so feine Sätze, wie die folgenden, die uns spüren lassen, was für ein Werk wir in den Händen halten:

„Warwara …mit einem Gesicht, das an sich nicht besonders hübsch war, aber das Geheimnis in sich trug, auch ohne hübsch zu sein Gefallen zu erwecken und sehr anziehend zu wirken.“

„Die gegenseitigen Höflichkeitsphrasen waren ausgetauscht, sie drückten einander die Hand und sahen sich scharf in die Augen.“

„…das Gewissen und die Erinnerung des Herzens sagen einem sofort, was man zu erzählen hat.“

Und unser Fürst wird zutreffend und knapp, wie folgt charakterisiert: „…ein ganz normaler Mensch, wie man ihn sich gar nicht normaler denken kann, vielleicht nur noch sehr schwach und ganz ohne Eigenart.“

Schlussbemerkung

Der Autor, dessen Werke von der zeitgenössischen Kritik nicht gewürdigt wurden, hat die tiefgreifende Wirkung seiner großen Romane auf die Entwicklung der Weltliteratur leider nicht miterlebt.

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