Wenn Sie, liebe Lesende, schon eine Besprechung über den Roman „Transkription“ gehört oder gelesen haben, können Sie sich getrost die Lektüre meiner Zeilen sparen. Ich werde den Roman von Ben Lerner ebenfalls loben, vielleicht nicht mit Sätzen wie „Ein geniales Werk über das Replay eines ganzen Lebens…“ oder „Lassen Sie sich von dieser Sprache mitreißen“.
Aber lesenswert ist dieser recht schmale Roman allemal! Der Autor, das lässt er uns Lesende an einigen Stellen spüren, ist ein sehr gebildeter Mensch. Ihm gelingt es schon hier und da einen Halbsatz einzustreuen, dessen Bedeutung sich nicht jedem sogleich in vollem Umfang entfalten wird. Der Erzähler ist bei einem nahezu neunzigjährigen Intellektuellen zum Zwecke eines Interviews zu Gast. Der lässt den Erzähler für kurze Zeit allein. Dieser nutzt die Zeit, um die vielen Kunstwerke in dem Haus zu betrachten: „Es gab drei verschiedene kleine Leinwände, die in jeweils unterschiedlichem Stil den sozialistischen Bruderkuss zwischen Erich Honecker und Breschnew darstellten – eines abstrahierte den Kuss zu kubistischen Formen und Körpern, eines war in seinem Chiaroscuro geradezu caravaggesk, das dritte zeigte eine Mischung aus Wirklichkeitsnähe und Unschärfe, die an Gerhard Richter erinnerte.“
Ich unterschlage nicht, dass wir vorher lasen, wie der Mann sein Mobiltelefon kurz ins Waschbecken fallen ließ und nun ohne Aufnahmegerät bei dem alten Intellektuellen aufläuft und ihm vorspielen wird, das Gespräch aufzuzeichnen, was aber de facto nicht möglich ist.
Worum es aber eigentlich in diesem Roman geht, ist nicht die Darstellung, wie aufgeschmissen wir heutzutage ohne dieses Kommunikationsmittel sind, sondern wie wir unsere Erlebnisse sortieren und für uns „aufbewahren“. Wie gehen wir mit unseren Kindern um, wie mit den Freunden? Was will ich meinem Vater noch sagen, wenn ich wüsste, es wäre das letzte Gespräch zwischen ihm und mir. Hier ist grandios die frühe Phase der Covid-Pandemie einbezogen. Es sind diese Abschnitte des Romans, die herausragend sind. Wie gehen wir mit den „Essstörungen“ der Tochter um? Wie gehen andere mit dem Mann um, der das letzte große Interview mit einem überragenden Intellektuellen führte, als dieser auf einem Symposium darüber berichtet, aus technischen Gründen keine Aufzeichnung zur Verfügung gehabt zu haben?
Und nun habe ich nicht einmal über die „Glasblumen“ der Modelleure Vater und Sohn Blaschka geschrieben, auch nicht über das Hôtel Arbez Franco-Suisse im Örtchen La Cure.
Ach, es ist eine wundersame Sache, wie ein schmaler Band, so viel großartige Literatur versammeln kann!
