Von Zeit zu Zeit greife ich gern zu einem der vielen mir noch nicht bekannten Romane des französischen Literaturgiganten Honoré Balzac. Die Gesamtausgabe seiner Romane der „Menschlichen Komödie“ besitze ich in Form kleiner Bände, die an Ausgaben des Reclam Verlags erinnern. Diese Ausgabe des Diogenes Verlags erfüllt ihren Zweck immer dann, wenn ich auf Reisen gehe und mit dem Gepäck haushalten muss. Der Roman „Glanz und Elend der Kurtisanen“ ist in zwei Bände aufgeteilt und über meine Lektüreeindrücke möchte ich im Folgenden gern berichten.
Schon der Titel des Romans, obwohl er die direkte Übersetzung der Originalüberschrift ist, ist eine Spur zu „reißerisch“. Aber einem Genie verzeihe ich viel. Es handelt sich um die Geschichte einer jungen Frau, die ihr Geld einige Zeit mit dem Verkauf ihres Körpers verdiente und dann nur noch einige Jahre einen Mann liebte und sich diesem hingab. Dieser Mann, David, tauchte bereits in den „Verlorenen Illusionen“ auf. Damals schrieb ich: „Lucien will Dichter werden und ist verliebt in die „Königin“ des Provinzstädtchens Angoulême. Mit ihr wird er nach Paris gehen, aber sie lässt ihn sehr schnell fallen und der arme Kerl lebt eine Zeitlang als mittelloser Poet in der großen Stadt. Er lernt Menschen kennen, sie werden Freunde, auch diese Männer arme Schlucker. Er lernt andere Leute kennen. Er wird Journalist, er bekommt Geld und gibt es wieder aus. Eine junge Schauspielerin liebt ihn und wird für ihn alles hergeben. Auch ihr Leben. Lucien fälscht sogar die Unterschrift seines Freundes David, um Geld in die Hände zu bekommen, was ihm aber auch wieder durch die Finger rinnt. David drückt diese Schuldenlast und weitere Schulden, die dadurch entstehen, dass er Papier herstellen will, welches weitaus günstiger sein sollte, als das bis dahin produzierte. Er muss sich vor seinen Schuldnern verstecken, wird überlistet und kommt ins Gefängnis. Lucien will ihn retten, die Rettung kommt zu spät, woraufhin Lucien sich umbringen will. Er gerät aber in die Hände eines spanischen Geistlichen, mit dem er einen Kontrakt schließt. Eva und David können mit dem Geld, was sie für den Verkauf der Druckerei und der Erfindung bekommen, ein kleines Gut kaufen. Schließlich erben sie das nicht unerhebliche Vermögen des Vaters von David. Was aus Lucien wird bleibt im Ungewissen und einem anderen Roman überlassen.“
Davon erzählt der Roman und von dem „spanischen Geistlichen“, der in Wirklichkeit so etwas wie der König der Unterwelt ist. Das ist viel Stoff, der da vor den Lesenden aufgeblättert wird. Und damit nicht genug, erklärt der Autor gern, wie die französische Unterwelt tickt und wir lernen das große Gefängnis- und Gerichtsgebäude in allen Details mit seinen vielen Treppen und Gängen kennen. Und ich war immer wieder froh, wenn der Autor zur eigentlichen Geschichte, die er uns erzählen will, zurückfand. Dennoch habe ich mich nie gelangweilt, denn Balzac dringt in die Seelen seiner Figuren ein und ohne dass es den Begriff der Psychoanalyse schon gab, seziert er seine Figuren für uns und erklärt deren Handlungsweisen. Ich war froh, den Roman nicht zur Seite gelegt zu haben, sondern mich durch die Geschichte gegraben zu haben.