Was für ein wunderbares Buch ist Gustav Seibt gelungen! Der aus der Süddeutschen Zeitung bekannte Redakteur hat ein großartiges Buch über Deutschlands größten Dichter vorgelegt. Über den Titel kann man sich streiten, wahrscheinlich steckt da die Marketingabteilung des Verlags hinter: „Ein Sommer mit Goethe“.

Im Aufbau schlicht gehalten, glänzt es durch Detailwissen, durch Sachkenntnis und macht Lust die Werke des Meisters wieder oder erstmalig zur Hand zu nehmen. Ein kleiner Wermutstropfen darf hier nicht verschwiegen werden: leider gibt der Autor nicht immer seine Goethequelle bekannt und dann darf gerätselt werden. Aber das sei dem Autor verziehen. Die Kapitel sind kurz, enthalten lange Zitate des Großschriftstellers und sind thematisch vom Autor zugeordnet. Gleichsam entsteht eine etwas andere Art von Biographie des Dichters. Auf diese Weise macht die Lektüre auf das Leben des Dichters und Staatsmanns ebenso neugierig, wie auf Texte, die vielleicht Schullektüre waren, sonst schon lange zurückliegen oder neu entdeckt werden wollen.

Der Aufbau der Kapitel ist immer gleich; ein Thema; Zitate meist aus einem Werk und am Ende ein kurzes Gedicht (leider ohne Quellenangabe). Die Überschriften mitunter ein wenig reißerisch, aber meist treffend: No Sympathy For The Devil; Despotie als Lebensform, Safer Sex oder Lange leben heißt vieles überleben; mögen hier als Beispiel genügen.

Das „Boulevardstück“ „Clavigo“, das der Meister im Mai 1774 innerhalb von einer Woche aufs Papier geworfen hatte, muss ich neu lesen; es ist zu lange her, seit ich es auf der Bühne gesehen habe.

Und wenn ich dann ein Zitat finde, das sich mit unserem kleinen blauen Planeten beschäftigt, dann könnte ich mich vor Ehrfurcht vor dem Genius Goethe verbeugen!

„…Denn wozu dient alle der Aufwand von Sonnen und Planeten und Monden, von Sternen und Milchstraßen, von Kometen und Nebelflecken, von gewordenen und werdenden Welten, wenn sich nicht zuletzt ein glücklicher Mensch unbewusst seines Daseins erfreut?“

Und den Hut vor dem „Großschriftsteller“, der zur Bewältigung seiner Korrespondenz bis zu vier Mitarbeiter beschäftigte, kann ich nur ziehen, wenn ich den folgenden Satz lese: „Und so thu ich vielleicht mehr und vollende sinnig in zugemessenen Tagen, was man zu einer Zeit versäumt, wo man das Recht hat, zu glauben oder zu wähnen, es gebe noch Wiedermorgen und Immermorgen.“

Dieses Buch las ich ohne „Überdruss an nichtiger Gelehrsamkeit“, voller Bewunderung dem Autor gegenüber!

Was für ein grandioses Buch!

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